00:02
Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Folge Aktenzeichen XY Unvergessene Verbrechen. Mein Name ist Rudi Zerne.
00:21
Und ich bin Nikola Hinisch-Koros. Schön, dass ihr zuhört.
00:24
Und darum geht es heute bei uns. Um Drogen und um das dreckige Geschäft dahinter, das Milliarden einbringt. Kokain aus Südamerika, synthetische Drogen aus illegalen Laboren, Schmuggel über Häfen, Paketdienste und das Internet. Verantwortlich sind international operierende Organisationen, die mit Gewalt, Waffen und Einschüchterung arbeiten. Gut vernetzt und hoch professionell.
00:51
Ja, und trotzdem endet diese Welt oft nicht irgendwo weit weg bei Kartellen oder Mafiastrukturen, sondern direkt hier bei uns, auf der Straße, in Clubs, an Unis, mitunter sogar auf Schulhöfen oder in einem Hotelzimmer in München, wie ein Beispiel zeigt.
01:08
Dort stirbt im Dezember 2025 ein 16-Jähriger nach einer mutmaßlichen Drogenparty.
01:15
Andere Jugendliche sollen noch bei ihm gewesen sein. Doch als die Rettungskräfte eintreffen, ist der Junge allein.
01:23
Die Ermittlungen zu dem Fall laufen immer noch. Doch dieser Fall steht heute nicht im Mittelpunkt. Er ist vielmehr ein Beispiel für ein größeres Problem. Drogen sind heute leichter verfügbar als je zuvor. Und dahinter steckt ein riesiges Geschäft.
01:38
Viele Deals laufen längst nicht mehr über zwielichtige Hinterhöfe oder dunkle Parks. Bestellt wird per Smartphone, über soziale Netzwerke, Messenger oder das Internet. Und am Ende dieser internationalen Lieferketten stehen oft Jugendliche, die glauben, alles unter Kontrolle zu haben.
01:56
Doch wie groß ist die Gefahr wirklich? Warum werden synthetische Drogen für junge Menschen immer gefährlicher? Welche Rolle spielen soziale Medien dabei? Und wie eng hängen Drogenkonsum, organisierte Kriminalität und Gewalt tatsächlich zusammen?
02:13
Darüber sprechen wir heute mit Kriminalhauptkommissar Michael Mergenthaler. Nach vielen Jahren bei der Kripo arbeitet er inzwischen als Präventionsbeamter beim Polizeipräsidium München, genauer gesagt im Kommissariat 105 für Prävention und Opferschutz. Dort koordiniert er unter anderem das Projekt Sauberbleiben, ein Programm zur Sucht- und Drogenprävention speziell für Jugendliche. Herr Mergenthaler, herzlich willkommen hier bei uns. Grüß Gott und hallo, ich freue mich, dass ich hier sein darf.
02:42
Ja, hallo. Vielen Dank fürs Kommen.
02:44
Herr Mergenthaler, bezogen auf den Projektnamen des Präventionsprogramms, wie schaffen es denn Jugendliche hinsichtlich Drogen sauber zu bleiben?
02:52
Prävention und Aufklärung ist das A und O für Jugendliche. Bereits junge Menschen sollen wissen, welche Folgen, welche verheerenden Folgen der Konsum haben kann. Wenn wir uns die hunderttausenden Toten jedes Jahr in Deutschland anschauen, wünsche ich mir, dass hier mehr passiert. Denn medizinisch und biologisch gesehen gibt es keinen risikofreien Konsum, maximal risikoarmen Konsum.
03:18
Wir wollen uns später auch die kriminellen Strukturen und den internationalen Drogenhandel anschauen. Dafür haben wir für diese Folge mit Dr. Erik Samel gesprochen.
03:27
Er ist Oberstaatsanwalt bei der Staatsanwaltschaft Trier und leitet dort die Abteilung für organisierte Kriminalität, Betäubungsmittel und Kapitaldelikte.
03:37
Erik Sammel hat uns erzählt, worauf die Strafverfolgungsbehörden im Kampf gegen das organisierte Verbrechen achten und welche Tricks sich die Schmuggler einfallen lassen, um ihre Ware zu transportieren. Bevor wir aber dazu kommen, wollen wir uns kurz anhand eines Falls anschauen, wie groß die Gefahr ist, die von Drogen ausgeht, gerade für Jugendliche. Dafür müssen wir gar nicht weit zurückgehen. Es reicht ein Blick ins vergangene Jahr.
04:06
Es sind die frühen Morgenstunden des 16. Dezember 2025, ein Dienstag, wenige Tage vor Weihnachten. Bei der Polizei und dem Rettungsdienst in München geht gegen 5.45 Uhr ein Notruf ein.
04:21
Einem Jugendlichen in einem Hotel etwas außerhalb der Stadt gehe es sehr schlecht. Er brauche dringend Hilfe.
04:28
Die Einsatzkräfte rücken sofort aus. Allerdings wird ihnen über den Notruf offenbar ein falscher Ort genannt. Sie haben Mühe, das richtige Hotel zu finden. Kurz vor 6 Uhr erreichen die Retter den Einsatzort im östlichen Landkreis von München.
04:44
Sie finden einen 16-jährigen Jugendlichen leblos und verlassen auf dem Boden eines Hotelzimmers.
04:50
Für ihn kommt jede Hilfe zu spät, der Notarzt kann nur noch seinen Tod feststellen. Bei einem Blick in das Zimmer wird sofort klar, hier hat offensichtlich eine ausschweifende Party stattgefunden. Den Notruf hatten demnach andere Gäste getätigt, die den kollabierten Jugendlichen dann aber allein zurückgelassen haben. Er starb wohl an den Folgen eines Cocktails aus verschiedenen Drogen und Alkohol, wie die Ermittler später bekannt geben.
05:19
Am späten Vormittag rufen ein weiterer 16-Jähriger und ein 18-Jähriger den Rettungsdienst an. Sie waren auf derselben Party und müssen ebenfalls mit schweren Vergiftungserscheinungen ins Krankenhaus. Beide sind der Polizei wegen vorheriger Rauschgiftverstöße bereits bekannt.
05:37
Einige Stunden später fahren die Rettungskräfte erneut los. Diesmal zu einem 17-Jährigen aus München. Auch er hatte mutmaßlich zuvor auf der Party Drogen konsumiert. Auch er muss in einem Krankenhaus behandelt werden. Alle drei Patienten können zum Glück binnen weniger Tage entlassen werden.
05:55
Wie die Presse in den Tagen danach berichtet, hatten sich bei der Party insgesamt etwa zehn junge Männer und Frauen zwischen 16 und 18 Jahren gezielt zum gemeinsamen Drogenkonsum verabredet. Dafür wurde für die Nacht von Montag auf Dienstag das Hotelzimmer angemietet. Die Teilnehmer kamen aus ganz Bayern. Auch der 16-Jährige, der nach der Party verstorben war, war von außerhalb Münchens angereist.
06:21
Der deutsche Jugendliche war bis dato nicht polizeilich in Erscheinung getreten.
06:26
In München sei der Fall beispiellos, sagt die Polizei. Sie muss nun herausfinden, wie es zu dem Unglück kam. Woher kannten sich die Jugendlichen? Wie hatten sie sich verabredet? Und wer hatte die Drogen besorgt?
06:40
Welche Substanzen genau konsumiert wurden, zu diesen und anderen Details hält sich die Polizei aus ermittlungstaktischen Gründen bis heute bedeckt. Fest steht, dass die Party einem 16-jährigen jungen Menschen das Leben gekostet hat. Ja, ein trauriges Beispiel dafür, wie Drogenkonsum im schlimmsten Fall enden kann.
07:06
Herr Mergenthaler, durch Ihre Arbeit als Präventionsbeamter in München haben Sie das Ganze natürlich hautnah mitbekommen. Wissen Sie genaueres zur letztlichen Todesursache des 16-Jährigen?
07:17
Aus Rücksicht auf das noch laufende Verfahren muss ich hier etwas zurückhaltend antworten. Aber gehen wir mal von einem aktuellen Mischkonsum sehr potenter Substanzen aus, der letztendlich dann zu einem medizinischen Notfall geführt hat und dann auch zum Tod eines Jugendlichen. Potent will hier bedeuten, dass Substanzen verwendet werden, die aufgrund ihrer Zusammensetzung ganz stark Einfluss auf den Körper haben, insbesondere auf die Psyche und nicht nur langfristig schädigend sind, sondern auch schon beim unmittelbaren Konsum ganz gravierende Wirkungen zeigen.
07:53
Je nachdem, was und wie stark konsumiert wird, kann ein Drogenrausch auch unmittelbar tödlich sein.
08:00
Risiken wären zum Beispiel Atemstillstand, Herzstillstand, Krampfanfälle, Vergiftungen durch verunreinigte Stoffe oder Unfälle, weil wir im Straßenverkehr teilnehmen oder eine Maschine führen. Gerade junge Menschen unterschätzen hier unmittelbare Gefahren.
08:18
Zu welchem Straftatbestand ermittelt die Polizei denn in diesem Fall bei der Drogenparty?
08:24
Nun zunächst prüfen wir natürlich Verstöße gegen das Betürbungsmittelgesetz, vielleicht auch gegen das Gesetz der neuen psychoaktiven Stoffe. Und wer hat die Drogen gekauft? Wer hat die Drogen mitgebracht? Wurden die Drogen vielleicht sogar verabreicht? Gerade wichtige Ermittlungsfragen hier sind, hatten andere Beteiligte noch eine Chance zu helfen? Stichwort wäre hier unterlassene Hilfeleistung. Warum sind die Jugendlichen geflüchtet? Warum sind sie nicht vor Ort geblieben? Polizei und Staatsanwaltschaft müssen hier genau prüfen, ob das Verhalten der Beteiligten strafrechtlich relevant war.
08:58
Denn ob alleine die extreme Potenz der eingenommenen Substanzen oder das Verhalten der Beteiligten tödlich war, muss hier im Vordergrund stehen.
09:10
Was ist denn Ihre Erfahrung? Wie häufig treffen sich Jugendliche denn für solche Partys, also diese Drogenpartys, wie wir eben gehört haben?
09:17
Für uns als Münchner Polizei ist dieser Fall einmalig zu benennen. Junge Leute haben hier ein Hotelzimmer explizit für diesen Drogenkonsum angemietet. Das haben wir so noch nicht erlebt. Grundsätzlich gibt es solche Drogenrunden im privaten Bereich zwar jedes Wochenende, aber ein neutraler Ort wie ein Hotel ist uns so noch nicht bekannt geworden.
09:40
Es darf aber nicht der Eindruck erweckt werden, eine ganze Generation sei jetzt drogenabhängig. Das wäre schlichtweg falsch. Die große Mehrheit der Jugendlichen ist nicht süchtig und konsumiert auch nicht regelmäßig.
09:54
Dann fangen wir doch mal ganz von vorne an. Wir wollten wissen, wie verbreitet das Thema Drogenkonsum unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist. Dazu waren wir vor der Aufzeichnung im Univiertel in München unterwegs.
10:06
Also Kiffen habe ich mal ausprobiert, aber würde ich jetzt nicht nochmal machen. Also ich kenne auch viele Leute aus der Schule, die sehr früh angefangen haben, Drogen zu nehmen. Also vor allem Marihuana. Ja, ich kenne Leute, die schon mal Drogen genommen haben, weil das ja auch ein bisschen auf Feiern normal ist, dass man da Alkohol trinkt oder mal eine Zigarette raucht. Und jetzt halt auch, wo Buit halt legal ist, dass man das auch mal raucht. Also ja, eigentlich jeden, den ich kenne, hat das schon mal gemacht.
10:32
Also ich habe schon Freunde, die regelmäßig so zum Party machen, härtere Drogen genommen haben, also so gekokst haben oder LSD, Benzos.
10:44
Also ich würde schon sagen, wie oft man jemanden irgendwie mal beim Koksen erwischt, das passiert schon öfter, würde ich mal sagen.
10:51
Ja, also ich habe selber schon Erfahrung mit Drogen gemacht und ich kenne auch Leute, die Drogen nehmen. Das ist dann ganz klassisch natürlich Alkohol und Gras und auch die härteren Sachen sehr unregelmäßig, aber schon auch mal bei einer Party irgendwie Kokain oder auch MDMA, Pilze auch dann eher, wenn man in die Natur geht.
11:13
Ich kenne tatsächlich auch jemanden, der im Alter von 19 Jahren nachts nicht mehr aufgewacht ist, weil er einen Herzstillstand, glaube ich, hatte, wegen der Mischung von Alkohol und Kokain halt. Da hatte ich schon Angst.
11:24
Ja, ich habe schon mal mitbekommen, dass jemand was zur Leistungssteigerung genommen hat, Richtung ADHS-Medikamente tatsächlich, genau.
11:31
Ich kenne die Risiken und soweit ich das aus meinem Freundeskreis beurteilen kann, die auch alle. Es wird halt hauptsächlich ignoriert oder auf die leichte Schulter genommen oder halt dann einfach damit gelebt, was dann an Nebenwirkungen oder hinten raus an, vor allem bei zum Beispiel MDMA, an Depressionen kommen.
11:51
Erstaunlich, wie viele von denen, die wir befragt haben, in ihrem persönlichen Umfeld schon in irgendeiner Art und Weise mit Drogen zu tun gehabt haben. Und jetzt kann man zwar sagen, diese Umfrage ist nicht repräsentativ, weil wir haben hier nur zehn Leute befragt und von diesen zehn war nur einer dann dabei, der gesagt hatte, dass er bisher noch nichts mit Drogen zu tun hatte. Herr Mergenthaler, wie deckt sich das mit Ihren Erfahrungen aus Sicht der Polizei?
12:20
Wir müssen jugendliche Gruppierungen ganz differenziert betrachten. Laut den Lehrkräften und Sozialarbeitenden, die in meinen Kursen teilnehmen und auch mit Blick auf die Berichte der DHS, also die Hauptstelle für Suchtfragen, konsumieren rund 50 Prozent der jugendlichen Schülerinnen und Schüler gar nichts, auch aus Rücksicht auf ihren Körper, auf die Gesundheit. Weder Alkohol noch Nikotin werden ja konsumiert.
12:45
Und zumindest laut offizieller Zahlen und persönlichen Berichte unserer Multiplikatoren liegt die Dunkelziffer jedoch wahrscheinlich höher.
12:55
Ein weiterer großer Teil, probiert mal, also der Erstkonsum, wir versuchen uns. Und das sind in der Regel Raucherzeugnisse, Alkohol auf einer Party, das sind die klassischen jugendlichen Erfahrungen. Sie bleiben aber oft punktuell und mit vielleicht sogar negativer Erfahrung, sodass man dann wieder davon ablässt. Nur ein kleiner Prozentsatz geht über dieses Ausprobieren hinaus und in einen regelmäßigen, vor allen Dingen riskanten Konsum.
13:22
Von welcher Altersgruppe reden wir hier von Schülern?
13:25
Schüler und Jugendliche sehen wir in der Regel immer ab dem 10. bis zum 17. Lebensjahr.
13:31
Stichwort Alkohol und Nikotin. Wie sieht es da aktuell bei jungen Menschen aus? Sie haben es ja eben angerissen. Die legalen Drogen werden oft schon vor dem gesetzlichen Mindestalter ausprobiert und können auch gesundheitsschädigend beziehungsweise sogar tödlich sein.
13:46
Ja, insbesondere Alkohol und Mischgetränke. Also heute Wodka, vielleicht gemischt mit Energydrinks, sind absolut beliebt.
13:54
Wir können aber auch positive Entwicklungen verzeichnen. Das sogenannte Komasaufen, wie es noch vor etlichen Jahren üblich war, ist deutlich rückläufig. Und hier haben wir auch Rückmeldungen der Krankenhäuser, die sehr viel weniger alkoholbedingte Vergiftungen bei Jugendlichen behandeln müssen. Auch der klassische Zigarettenkonsum war...
14:15
und war weit unter 10% angekommen bei Jugendlichen. Der steigt jetzt leider wieder und wird auch durch Vorbilder kreiert. Viel häufiger werden heute Nikotin-Vapes konsumiert, von denen wir noch gar nicht wissen, wie Langzeitschäden zu verzeichnen sind. Hier fehlen Forschungsergebnisse, aber es ist sehr wahrscheinlich, dass sie sich negativ auf den Körper auswirken. Auch andere abgewandelte Nikotinprodukte, wie zum Beispiel Nikotin-Zahnstocher aus den USA, können wir hier verzeichnen.
14:49
Und beide Drogen sind gerade für Jugendliche sehr gefährlich, denn Nikotin ist beispielsweise ein Nervengift, das den Entwicklungsprozess stören kann, das Lähmungserscheinungen hervorrufen kann und stark abhängig macht. Und der Konsumbeginn in jungen Jahren ist hier besonders gefährlich und schädigend.
15:08
Nikotin-Zahnstocher, was muss ich mir denn darunter vorstellen? Ich kenne nur den klassischen kleinen Holz-Zahnstocher.
15:14
Das ist tatsächlich ein klassischer Holz-Zahnstocher, der schon optisch zu erkennen ist, dass er mit etwas getränkt ist. Das ist eine ölige Flüssigkeit und das ist Nikotin, das aufgebracht wird, meist in Zehnerportionen zu kaufen, über das Internet zu bestellen, nicht ganz günstig und macht sich gerade an den Münchner Schulen breit.
15:36
Ja, jetzt haben wir über Alkohol und das Rauchen gesprochen. Ein anderes großes Thema ist Cannabis. Damit wird sogar auch an Oberschulen gedealt, zumindest hier in unserer Region. Ich weiß jetzt nicht, wie es im Rest von Deutschland aussieht. Dazu habe ich keine Kenntnis bisher. Und inzwischen weiß man, das ist nicht ungefährlich für Jugendliche, besonders was mögliche Langzeitfolgen angeht. Herr Mergenthaler, wie beurteilen Sie das?
16:01
Ja, Cannabis wird von Jugendlichen konsumiert, mal konsumiert und ausprobiert. Das ist so, man hat jetzt mehr Griffnähe durch die Teillegalisierung. Es ist aber keine typische Jugenddroge. Der zweite sogenannte ECOCAN-Zwischenbericht, also die Evaluierung zum Cannabis-Gesetz, wird im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums durchgeführt und von der renommierten Uniklinik Hamburg-Eppendorf durchgeführt. aufgezeigt, hier können wir verzeichnen einen leichten Anstieg des Cannabiskonsums unter Erwachsenen zwischen 30 und 40 Jahren und bei Jugendlichen sogar eine Stagnation, wenn nicht sogar eine leichte Rückläufigkeit im Konsum.
16:42
Es gibt eine Klärung dazu, immer öfter erleben Jugendliche beim Erstkonsum Negativerfahrungen, wie Übelkeit, wie einen Horrortrip, also zwei Stunden anhaltende, wirklich negative Einflüsse. Viele hält es ab vom weiteren Konsum. Grund dafür kann sein, dass die Blüten aus der Cannabispflanze immer potenter werden. Während wir vor vielen Jahren noch etwa einen THC-Wirkstoffgehalt in der Pflanze von etwa 2% zu verzeichnen hatten, ist er mittlerweile bis zu 25% angewachsen und daher in der Wirkung auch unglaublich stark.
17:20
Wofür steht THC? Können Sie das erklären?
17:22
THC ist der psychoaktive Wirkstoff in der Cannabispflanze, der letztendlich die Rauschzustände auslöst in unserem Gehirn und der wurde in den letzten Jahren wirklich verzehnfacht herangezüchtet. Grundsätzlich muss man aber sagen, dass Cannabis nicht tödlich wirken kann. Man kann keine tödliche Dosierung aufnehmen. Das ändert aber nichts an den Risiken.
17:47
Es gibt auch synthetische Cannabinoide, zum Beispiel Kräutermischungen, die künstlich hergestellt werden und die Wirkung von THC imitieren sollen und die dann auch weitaus gefährlicher sind. Was können Sie uns da berichten?
18:00
Kräutermischungen ist ein Szenebegriff, der verwendet wird, um auch ein bisschen zu verwischen, um was wir hier reden. Es sind synthetische Drogen, die hergestellt werden, wie zum Beispiel Spice, die bis zu 100-fach stärkere Wirkung aufweisen als klassisches THC und deswegen auch oft zu Überdosierungen führen, zu Unfällen, zu Vergiftungen, zu Herzstillstand oder bis hin zu Organversagen. Synthetische Cannabinoide werden dem pflanzlichen Cannabis teils beigemischt als Streckmittel, damit es attraktiver wird, damit es stärker wirkt und optisch jedoch leider nicht zu unterscheiden ist.
18:38
Sowohl pflanzliches als auch synthetisches Cannabis beeinflusst das Gehirn stark.
18:43
Gerade in jungen Jahren wird der Frontalkortex, der vordere Lappen im Gehirn geschädigt. Und es gibt Studien aus Südlondon, da hat sich das Gehirn junger Konsumierender bis zu 12% zurückentwickelt. Eine Gehirnrückentwicklung, die nicht mehr reversibel ist. Und das sind doch deutliche Einschränkungen in unserer Gesundheit. Und das hat direkten Einfluss auf die Leistungsfähigkeit, auf die Intelligenz und auf das Verhalten. Und zunächst ist es zu merken in deutlicher Vergesslichkeit und Trägheit.
19:16
Besonders bei Dauerkonsum und häufigen psychischen Folgen wie Depressionen oder Angststörungen unter Umständen werden sogar Psychosen ausgelöst.
19:26
Ja, es gibt ja sogar Studien, die nachweisen wollen, dass es ein erhöhtes Risiko für Atemwegserkrankungen und sogar Hodenkrebs gibt.
19:33
Ja, das ist schon dramatisch. Die Atemwegserkrankungen natürlich durch das Rauchen auch bedingt und die Krebserkrankungen ganz typisch für den Drogenmissbrauch.
19:42
Auf jeden Fall kann man sagen, die Abhängigkeit ist nicht zu unterschätzen oder das Risiko der Abhängigkeit.
19:47
In allen Fällen ist das Risiko der Abhängigkeit nicht zu unterschätzen und die gesundheitlichen Folgen können extrem sein.
19:54
Die große Gefahr besteht darin, dass die Wirkung von Cannabis nachlässt, je öfter ich konsumiere. Das heißt, ich muss stärker konsumieren, noch häufiger konsumieren oder vielleicht sogar auf härtere Stoffe übergreifen. Und darüber müssen wir aufklären, denn jeder glaubt, mir passiert es ja nicht.
20:14
Eine Haltung, die ich in Ansätzen sogar ein Stück weit nachvollziehen kann. Sie haben uns im Vorgespräch erzählt, dass es aber noch etwas gibt, das Ihnen Sorge bereitet, neben dem Cannabis und Alkoholkonsum und auch Nikotin. Das sind die sogenannten Ballerliquids. Können Sie mal erklären, was das ist?
20:32
Auch so ein Szenebegriff, Ballerliquids, will nichts anderes heißen. Es ist eine Flüssigkeit, die wir in unsere Vapes, in unsere Verdampferprodukte nachfüllen können, die aber ganz gezielt mit psychoaktiven Stoffen versetzt sind, um eine ganz starke Wirkung aufs Hirn und auf die Wahrnehmung, auslösen können, insbesondere unsere Stimmung, unser Verhalten wird deutlich verändert und wir kennen diese Veränderungen aus dem Bereich der Amphetamine, aus dem MDMA oder wie Ecstasy zum Beispiel.
21:04
Die Wirkung wird folgendes sein, unser Kreislauf fährt hoch, der Puls fährt hoch, das Adrenalin wird ausgeschüttet und die Menschen werden besonders auffällig, teils sogar aggressiv. Der typische Gebrauch in der Partyszene ist dafür geeignet, um maximal erregt zu sein und alles sehr intensiv wahrzunehmen. Aktuelle Basisstoffe, HHC, also der Mitspieler zum THC aus der Cannabispflanze, kann aber wie gerade schon erklärt, synthetisch hergestellt werden.
21:35
HHC-Liquids wirken sehr, sehr stark psychoaktiv. Konsumenten driften möglicherweise psychisch ab, fallen in ein Delirium oder im schlechtesten Fall in eine Art Tiefschlaf.
21:48
Die große Gefahr wäre hier eine Atemdepression. Der Körper fährt so weit runter, dass es bis zum Aussetzen der Atmung kommen kann.
21:55
Nicht umsonst zählen diese sogenannten Ballerliquids zu den illegalen Substanzen. Der Konsum ist vor allem durch virale Trends gestiegen. Soziale Medien und Influencer haben also auch in dieser Hinsicht einen großen Einfluss auf junge Menschen. Ist das so?
22:11
Ja, das ist genau richtig und leider auch verheerend. Jugendliche sind heute maximal beeinflusst durch ihre Idole über die sozialen Medien. Einige Rapper vermarkten sogar inzwischen ihre eigenen Produkte, ihre eigenen Liquids und Vapes. Das verstärkt natürlich die Sogwirkung, weil diese Idole ein Vorbild darstellen.
22:32
Gefahr dabei ist, auch aus abschreckenden Drogengeschichten, wie man sie früher vielleicht in der Drogenprävention verwendet hat, hat keine Vorbildwirkung mehr. Jugendliche konsumieren erst recht, weil es jemand geschafft hat, wieder herauszukommen. Das kann ich auch, ist der Slogan. Und Rapper und andere Vorbilder aus dieser Szene besingen konkret ihre bestimmten Substanzen, die sie konsumieren, zum Beispiel Tilidin.
23:00
Beispielhaft könnte man hier nennen einen Tilidin-Rap-Song, der nach der Veröffentlichung die Verschreibungshäufigkeit von Tilidin bei Jugendlichen um 30 Prozent gesteigert hat. Das war natürlich reiner Missbrauch.
23:15
Also für die, die es nicht wissen, Tilidin ist ein Opiat, also ein Medikament, das bei sehr starken Schmerzen verschrieben wird, zum Beispiel bei einem Bandscheibenvorfall. Wie kommt man daran? Also da braucht man doch sicher ein Rezept vom Arzt.
23:29
Genauso ist es. Das ist verschreibungspflichtig, wird teilweise auch unter Vortäuschung von Schmerzen dann beim Arzt verschrieben und nicht konsumiert, sondern auf dem Markt weiterverkauft. Der Schwarzmarkt bietet hier eine gute Basis und es wird gut gehandelt, aber Falls dieses Präparat doch Kindern verschrieben wird, ist vielen Eltern vielleicht gar nicht bewusst, welche Wirkung es entfalten kann. Denn bei schlechter Aufklärung und Konsum kann dieses Medikament bereits nach zwei bis drei Wochen ein Suchtverhalten auslösen.
24:06
Es ist ein Opiat.
24:07
Ja, wenn wir gerade bei Medikamenten sind, in den USA gibt es immer noch ein Problem mit dem Missbrauch von Fentanyl, auch ein Opioid, ein starkes Schmerzmittel, das in seiner Wirkung um ein Vielfaches stärker sein soll als Morphium. Ist das bei uns auch in irgendeiner Weise ein Thema?
24:24
In den 90ern war in den USA dieses Medikament als nicht abhängig machen deklariert worden. Das war aber nicht so. Patienten haben es völlig frei eingenommen mit gutem Gewissen und sind teilweise unwissend in die Abhängigkeit geraten.
24:41
kommen ähnliche Substanzen dazu, oft aus Laboren aus Asien. Und bei uns in Deutschland ist die Lage bei Weitem nicht so schlimm wie in den USA. Auf jeden Fall ein Medikament, das extrem schnell abhängig macht, muss medizinisch begleitet werden und die Aufklärung muss intensiv geführt werden.
25:08
Da wir aber gerade beim Thema Abhängigkeit sind, für Sie als Präventionsexperte, wann ist jetzt Drogenkonsum, egal ob von legalen oder von illegalen Drogen, in Ihren Augen problematisch?
25:19
Also riskant wird vor allen Dingen Konsum dann, wenn es keine Konsumunterbrechung mehr gibt. Beispielhaft wäre hier das tägliche Glas Wein, das tägliche Glas Bier oder die tägliche Zigarette. Keine Pausen zu machen, führt im Körper dazu, dass wir uns daran gewöhnen. Alkohol bleibt ein Zellgift, auch wenn er kulturell sehr stark akzeptiert ist und beinahe zelebriert wird.
25:44
Bei Sucht ist der entscheidende Faktor das Gehirn. Unsere Erinnerung an das Erlebte, die Droge, der Stoff, den wir konsumieren, dockt meist im Belohnungszentrum, im GABA-Zentrum an, stößt für einfach gesagt Dopamin aus. Und das gibt uns dieses gute Gefühl der Entspannung, des Wohlgefühls, des Trosts oder des Eingepacktseins.
26:06
Bei Stress, bei Schicksalsschlägen, bei Belastungen erinnert sich das Gehirn zurück an diese Lösung und wir fordern nach mehr Konsum.
26:17
Ja, Herr Mergenthaler, Sie haben jetzt viel Medizinisches erklärt. Sie sind aber natürlich kein Mediziner. Sie haben sich aber im Laufe der Jahre viel mit den gesundheitlichen Folgen von Drogenkonsum beschäftigt.
26:30
Jetzt ist aber zum Beispiel Alkoholismus als Krankheit eingestuft. Ab wann kippt denn der kontrollierte Alkoholkonsum in eine Art Krankheit?
26:40
Also ganz deutlich muss ich sagen, Sucht ist generell für mich klar eine Krankheit, kein Phänomen oder kein Charaktermangel. Es bleibt eine Krankheit. Sucht beginnt dort, wo die Substanz zur Standardlösung wird, wo wir kein anderes Verhalten mehr haben bei Stress, bei Trauer, bei beruflichen oder privaten Krisen, wenn wir immer wieder zurückgreifen auf die Substanz, die uns vermeintlich gut tut.
27:06
Ich erhöhe die Dosis und die Häufigkeit, statt andere Lösungen zu suchen. Und das endet dann in der Überschreitung der Schmerzgrenze. Wir sind jetzt im Zuchtverhalten angekommen, ganz unten in der Spirale, wo wir uns ganz schnell drehen. Und man könnte damit sagen, ohne Alkohol oder ohne Droge geht nichts mehr.
27:26
Das heißt, das betrifft dann natürlich auch die Familie, die Gesundheit, natürlich den Beruf. Meistens auch kommt noch der finanzielle Absturz dazu.
27:37
Sie haben so recht. Die typischen Merkmale für Suchtverhalten ist ja nicht nur die körperliche Schädigung, sondern insbesondere die Auswirkungen auf Familie, auf Freunde, auf Beziehung im Beruf. Unsere Leistungsfähigkeit geht zurück. Wir ändern vielleicht sogar den Charakter und trotz massiver Schäden werden wir weiter konsumieren, weil unser Gehirn danach verlangt.
27:58
Sucht ist erreicht, wenn ich ohne eine Substanz mein Leben nicht mehr gestalten kann, nicht mehr kontrollieren kann. Es ist ein unabweichbares Verlangen, das in mir aufkommt.
28:09
Gibt es Umstände, die Menschen besonders anfällig für Suchtverhalten machen?
28:14
Es sind oft belastende Lebensumstände, die hier der Weichensteller sind, wie zum Beispiel Schicksalsschläge, Trennung, Tod einer nahestehenden Person, berufliche Belastung oder Veränderungen im Leben, Krankheiten, lange graue Winterphasen, wie wir sie alle erlebt haben, die zu Unzufriedenheit führen. Gefährliche Kombination ist hier die Krise plus die Erinnerung unseres Gehirns an die Dopaminlösung. Durch Einnahme eines Stoffes und das Ausschütten von Dopamin und diese warme Packung, die uns dann umgibt.
28:48
Beispiel wäre hier Liebeskummer. Ich lenke mich ab mit Alkohol und Cannabis. Das ist nicht die richtige Lösung.
28:55
Welche Rolle spielt denn das Umfeld, in dem sich eine Person bewegt, also die Menschen drumherum?
29:01
Unsere Umgebung spielt eine große Rolle. Das persönliche Umfeld, die Peergroup, sind potenzielle Risikofaktoren. Zum Beispiel der Freundeskreis mit hohem Konsum, Vereinsmitglieder mit einer Nachfeier oder schlechte Vorbilder, die wir haben könnten. Auch Eltern sind wichtige Faktoren, denn ca. 30% der stark Konsumierenden sagen, Meine Eltern waren mein Vorbild. Ein typisches Szenario zu Hause wäre zum Beispiel, ich habe Kopfschmerzen und greife jetzt als Elternteil sofort zur Tablette.
29:36
Oder nach einem sehr belastenden Telefonat legt man auf und sagt, jetzt brauche ich erstmal einen Schnaps.
29:45
Ja, das sind Lösungsansätze und das kennen wir aus dem Alltag, aber die Botschaft an das Kind wäre ja, es gibt für jedes Problem eine Substanz und nicht die natürliche Lösung.
29:56
Fehlende Alternativen kann man hier nennen und instabile Strukturen machen uns anfälliger, wenn die Rückfallebene die konsumierende Peergroup ist, wenn es keine weiteren Räume gibt, keine anderen Gruppen, keine anderen Interessen, in die ich mich begeben kann. Ein zweiter Verein zum Beispiel, andere Hobbys oder stabile Familienverhältnisse.
30:18
Ja, schwer sich aus sowas rauszuarbeiten. Wir sprechen später noch darüber, wie man aus einer Sucht wieder herauskommen kann, welche Hilfsangebote es gibt und was man als Angehöriger in so einem Fall tun kann.
30:37
Wenn es um Drogen in Deutschland geht, gibt es eine Entwicklung, die einen wirklich schockieren kann. 2014 sind in Deutschland noch rund 1.000 Menschen an ihrem Drogenkonsum gestorben. 2024 waren es über 2.000. Die Zahl der Drogentoten hat sich laut Bundeskriminalamt also binnen zehn Jahren mehr als verdoppelt. Bei der Statistik geht es um Todesfälle durch den Konsum von illegalen Drogen.
31:04
Menschen, die aufgrund von Alkohol- oder Tabakkonsum gestorben sind, sind hier nicht mit eingerechnet. Herr Mergenthaler, doppelt so viele Tote durch illegale Drogen innerhalb von 10 Jahren. Was sagen Sie dazu?
31:17
Das ist eine dramatische Entwicklung. Aber man muss diese Zahlen ins Verhältnis setzen. Denn die großen Volks- und Einstiegsdrogen sind nach wie vor Alkohol und Nikotin. Mit bedeutend mehr Todesfällen, Wir haben hier zu verzeichnen 125.000 Menschen, die daran sterben an der Folge ihrer Nikotinsucht. Und dazu kommen jährlich 75.000 Menschen, die an ihrer Alkoholsucht versterben. Das sind zusammen über 200.000 Tote pro Jahr, die Deutschland zu verzeichnen hat, die an Legalen, an unseren Volksdrogen versterben.
31:53
Das sind also hundertmal so viele wie laut der Statistik an illegalen Drogensterben. Aber das liegt sicher mitunter auch daran, dass viel mehr Menschen Alkohol und Nikotin konsumieren als illegale Drogen, oder?
32:05
Genau. Daher kann man das statistisch nicht miteinander vergleichen.
32:09
Ja, also das eine ist dann der Alkohol. Jetzt gibt es aber auch, soweit wir gelesen haben, eine sogenannte neue Kokainschwemme in Deutschland. Das heißt, das wären jetzt wieder andere, härtere Drogen, also als Party- und auch Leistungsdroge bekannt. Das ist auch nicht zu unterschätzen, oder?
32:26
Ja, die Kokainschwemme ist bekannt in Deutschland und Kokain war ja immer schon eine Droge, die uns begleitet hat. Die Abwasseruntersuchungen, die in den Klärwerken Deutschlands durchgeführt werden, zeigen jetzt einen deutlichen Anstieg beim Kokainkonsum. Die Qualität ist unglaublich gut, die Preise niedriger als jemals zuvor.
32:46
Und früher deutlich teurer und damit eine Droge, die man sich nicht so leisten konnte. Der Preis hat sich letztlich jetzt halbiert und wird auch zur Partydroge für junge Leute.
33:00
Und warum das? Also wie kam das, dass das jetzt so günstig geworden ist?
33:03
Es wird in den Produktionsstaaten wie zum Beispiel Südamerika inzwischen viel mehr produziert. Vor allen Dingen die Handelswege, die Produktionswege wurden verbessert. Die Kartelle verbessern hier ihre Weltwirtschaft und es wird leichter geschmuggelt. Wir müssen uns nur vorstellen... wie viele Container, wie viele Ladungen hier in den europäischen Häfen ankommen und die Kontrollen nur noch stichpunktartig durchgeführt werden, damit eben unser Weltwirtschaftssystem funktioniert.
33:34
Und wenn wir dann Aufgriffe haben, dann zeigt es anhand der festgestellten Mengen, wie groß die Menge ist, die hier auf Europa hereindrückt. Beim Heroin ist es umgekehrt. Da könnte man ein Beispiel nennen aus Afghanistan. Seit Machtübernahme der Taliban ist hier der Anbau von Schlafmohn verboten und es kam dadurch zu Lieferengpässe beim Heroin und anderen Opioiden. Also Heroin in guter Qualität, in reiner Qualität ist schwer am Markt zu bekommen und deswegen weicht man jetzt hier meist auf synthetische Substanzen aus.
34:14
Der Konsument von illegalen Drogen steht ganz am Ende einer langen Produktions- und Lieferkette. Wir wollten wissen, wie kommen die Drogen überhaupt nach Deutschland? Zum Beispiel Kokain, denn vom Kokastrauch auf den Feldern in Südamerika bis in die deutsche Partyszene ist es ja doch ein weiter Weg.
34:35
Oft steht ein internationaler Drogenhandel im großen Stil dahinter. Um zu verstehen, wie dieses System funktioniert und wie die Strafverfolgungsbehörden dagegen vorgehen, haben wir für diese Folge mit Dr. Erik Samel gesprochen. Er ist Oberstaatsanwalt bei der Staatsanwaltschaft Trier und unter anderem Leiter der Abteilung für organisierte Kriminalität. Seit rund 20 Jahren ist er in diesem Bereich tätig.
35:00
Der Drogenhandel ist laut Erik Sammel eine der Haupteinnahmequellen für die organisierte Kriminalität weltweit. Egal, ob es um die Mafia geht, um Clan-Strukturen oder um Kartelle in Mittel- und Südamerika. Wir wollten zunächst wissen, was aktuell die meistgehandelten Drogen sind, die die Ermittlerinnen und Ermittler im Bereich der organisierten Kriminalität beschäftigen.
35:23
Das ist natürlich Cannabis, nach wie vor. Das ist Amphetamin, das ist Heroin und Kokain. Crystal Meth oder Methamphetamin ist bei uns im Bezirk jetzt Tatsächlich eher die Seltenheit, spielt aber an der Ostgrenze von Deutschland eine deutlich größere Rolle. Was uns hier tatsächlich am meisten beschäftigt, würde ich sagen, ist Kokain, Amphetamin und Cannabis. Wobei wir in den letzten Jahren festgestellt haben, dass jetzt auch bei uns in der Region Kokain etwas häufiger auftritt, als das in der Vergangenheit der Fall war.
36:01
Die Staatsanwaltschaft Trier ist eine sogenannte Grenzstaatsanwaltschaft. Das heißt, ihre Zuständigkeit reicht bis an die Nachbarländer heran, konkret an Frankreich, Luxemburg, Belgien und die Niederlande. Und das sagt schon, der Name internationaler Drogenhandel heißt grenzüberschreitende Kriminalität.
36:21
Vom Hafen in Amsterdam über Maastricht und Belgien bis in den Südwesten Deutschlands. So beschreibt Erik Sammel eine klassische Einflugschneise für den Import von Betäubungsmitteln. Mittlerweile kämen viele Drogen aber auch von Spanien aus über Frankreich und Luxemburg nach Deutschland.
36:38
Die Ermittlungen hören an der Grenze nicht auf, so Sammel. Er und seine Kollegen versuchen dann, mit den entsprechenden Ländern zusammenzuarbeiten und den Drogenhandel international zu verfolgen.
36:50
Um jetzt ein Beispiel mal ganz banal zu bringen, wenn ich in Trier ein Kilo Kokain sicherstelle, dann kommt das Kokain ja irgendwo her. Und das Ziel der Ermittlungsbehörden ist natürlich immer, das Kokain zurückzuverfolgen bis zu seiner Entstehungsquelle. Das wäre im Idealfall, dann zum Beispiel irgendein Kartell in Kolumbien.
37:15
Erik Samel sagt aber auch, dass es in vielen Fällen leider nicht so weit komme, weil die Ermittlungen schon vorher scheitern.
37:22
Die größte Herausforderung ist zum einen, dass organisierter Drogenhandel natürlich sehr, sehr konspirativ ist.
37:30
Das heißt, es ist unheimlich schwierig in diesem Bereich Ermittlungsergebnisse zu erzielen und Informationen zu erlangen. Kleinere Täter, die sie festnehmen, die erzählen selten dann irgendetwas über diese konkrete Tat hinaus.
37:48
Sie müssen sehr, sehr viel verdeckt operieren durch Überwachungsmaßnahmen, durch den Einsatz verdeckter Ermittler zum Beispiel oder aber durch entsprechende Informanten. Und das macht das sehr, sehr aufwendig und sehr, sehr langwierig auch teilweise, diese Ermittlungen. Also es ist jetzt gar nicht so selten, dass wir über Monate oder auch manchmal Jahre hinweg solche Ermittlungen führen, um dann...
38:17
Stück für Stück ein Puzzle zusammenzubauen. Und der zweite zentrale Punkt, der das Ganze natürlich schwierig macht, sind letztlich diese internationalen Strukturen und diese Weitläufigkeit des ganzen Themas. Denn das ist dann verbunden mit Rechtshilfe. Sie müssen dann mit den Ländern arbeiten. im Rechtshilfeweg sich auseinandersetzen. Das ist oftmals nicht immer so einfach.
38:43
Konspirativ bedeutet laut Erik Sammel eben auch, niemand in diesem Gewerbe ist mit seinem richtigen Namen unterwegs und ist noch viel seltener als ein rechtstreuer Bürger behördlich gemeldet.
38:57
Auf dem langen Weg, den zum Beispiel das Kokain von Kolumbien nach Trier oder zu anderen deutschen Städten zurücklegt, gibt es diverse Zwischendealer und viele Lücken, in denen die Ermittlungen stecken bleiben können.
39:10
Wir wollten auch wissen, welche Rolle Deutschland im internationalen Drogenhandel spielt. Erik Sammel sagt, früher sei Deutschland für die organisierte Kriminalität vor allem als Investitionsstandort interessant gewesen, sprich für Geldwäsche.
39:25
Inzwischen werde es aber auch ein immer größerer Absatzmarkt. Generell habe sich in den letzten 20 Jahren im internationalen Drogenhandel aber viel getan, so Samel. Zum Beispiel habe sich Spanien als Herstellungsland für Cannabis herauskristallisiert. Früher seien das vor allem die Niederlande gewesen.
39:45
Und auch die Transportmittel haben sich laut dem Oberstaatsanwalt verändert, gerade bei den Endkunden.
39:51
Wir haben eine starke Verlagerung in den Bereich des Postverkehrs, also dass alle großen Postdienstleister plus auch die Kleinen einfach dazu missbraucht werden, um Betäubungsmittel oder aber jetzt Cannabisprodukte anzusehen. ganz normal zu verschicken. Da wird das dann an Packstationen verschickt. Da wird natürlich versucht, sowohl Absender als auch Empfänger so gut es geht zu verschleiern, um da einen gewissen Schutz vor den Ermittlungsbehörden zu haben.
40:21
Also es geht ganz viel weg. Also von der Straße in den Postverkehr hinein, um hier auch Risikominimierung zu betreiben. Aber diese Änderung im Versandweg resultiert unterm Strich auch aus der stärkeren Präsenz des Internets. Dann so halt dann die Betäubungsmittel quasi übers Internet bestellt werden und dann die Lieferung auch auf Versandwegen erfolgt.
40:59
Herr Mergenthaler, ist es auch Ihre Erfahrung, dass der Kauf von Drogen heutzutage so einfach über das Internet funktioniert? Das klingt ja wie beim Pizzalieferservice.
41:08
Genau so ist es. Internet, soziale Dienste und Messenger-Dienste sind der heutige Marktplatz für Drogen aller Art. Man muss dafür noch nicht mal ins Darknet. Bestellungen werden oft mit wenigen Klicks über Plattformen, auf denen Jugendliche ohnehin unterwegs sind, vollzogen.
41:26
Nicht zwingend ist das Darknet erforderlich. Viele Angebote sind im normalen Netz auffindbar mit einer Suchanfrage. Digitale Dealer arbeiten sogar mit Bewertungen. Man kann Sterne vergeben und Kommentare schreiben. Das wirkt auf die Jugendlichen wie ein Online-Shop mit Qualitätssiegel und vermittelt den Eindruck, hier werde ich nicht betrogen und es ist eigentlich gar nicht so schlimm.
41:53
Eine Lieferung an neutrale oder versteckte Orte, wie zum Beispiel hinter dem Feuerlöscher im Hausflur, hinter einem Auto oder an einen Scheinbriefkasten, alles ist möglich. Die Bezahlung läuft aber meist digital und anonymisiert ab. Man muss keine zwielichtige Person aufsuchen am nächsten Hauptbahnhof.
42:14
Auf diesem wachsenden Markt mit neuen Versandwegen verändert sich auch das Angebot. Neben den klassischen Drogen werden immer häufiger sogenannte neue psychoaktive Stoffe angeboten, die die Wirkung klassischer Drogen imitieren. Diese synthetischen Drogen sind Substanzen, die rein durch chemische Reaktionen im Labor hergestellt wurden.
42:34
Herr Mergenthaler, was macht diese Art Drogen aus Ihrer Sicht besonders gefährlich?
42:38
Die sogenannten Designer in diesen Laboren können gezielt Wunschdrogen konstruieren und haben teils Dosierungen, die natürliche Stoffe um ein tausendfaches übersteigen. Künstliches Kokain, künstliche Speed-Varianten oder Cannabis-Varianten. Zum Beispiel eine Party-Droge für Wunschdrogen.
43:00
Drei Tage nicht schlafen, keinen Hunger, stark sexuell erregt, alles das kann konstruiert werden. Oder Dauner zum Runterkommen macht transartiges Erleben möglich, Geräusche werden vielleicht als Wärme wahrgenommen und man fühlt sich sehr, sehr wohl.
43:17
Aber Vorsicht, es gibt keinerlei Qualitätskontrollen, es gibt keine Übersicht über Zusammensetzung, es gibt keine Warnhinweise. Die Droge kommt meist in schönen Umschlägen, in farbigen Tütchen und gibt keinen Hinweis auf Gefahren. Die Gefahr der Abhängigkeit durch hohe Dosierung ist hier besonders groß.
43:40
Der Konsument muss sich durchprobieren und testen an die Dosierung, an die Wirkung herantasten. Und jedes Mal, wenn ich neu bestelle, jedes neue Päckchen wird anders sein. Das zeigen auch unsere Tests. Jedes Mal besteht das Risiko bis hin zur Todesgefahr, auch beim Erstkonsum.
44:02
Ja, also ein ziemlich großes Risiko, dass man da eingeht, wenn man nicht weiß, wie der Körper auf die Menge und den Stoff an sich reagiert. Und es gibt noch einen weiteren Punkt. Die Drogen bzw. die Substanzen werden oft gestreckt. Ist das so?
44:19
Genau richtig. Obwohl, synthetische Drogen können sehr, sehr rein sein. Es betrifft vor allem den Schwarzmarkt der klassischen Drogen.
44:29
Jede Weiterverkaufsstelle mischt Streckmittel dazu. In der Regel wird die Qualität dabei bei jedem Weiterverkauf halbiert. Ziel ist es beim Handel, Gewinn zu maximieren und das Volumen und das Gewicht zu erhöhen. Beigemischt wird, was gerade da ist. Beispiel weißes Pulver, wie zum Beispiel Kokain.
44:53
Hier wird Backpulver verwendet. Wenn man das erwischt, ist es noch gut. Oder andere Pulverchen aus dem Drogeriemarkt, manchmal auch Waschpulver. Beispiel Cannabisblüte. Manchmal werden Bleistaub, Haarspray oder vielleicht Zucker aufgesprüht und beigemengt. Diese Stoffe werden mit verbrannt und natürlich eingeatmet. Zum Beispiel beim Erhitzen und Inhalieren von Blei entstehen hier große medizinische Schäden.
45:22
Weiterverkäufern ist die Gesundheit des Endkonsumenten völlig egal. Wichtig ist das Geschäft, nicht ob der Konsument schwere Schäden erleidet. Man weiß nicht, der wievielte in der Kette man ist. Man weiß nicht, was alles schon beigemengt wurde. Jede zusätzliche Streckung erhöht das gesundheitliche Risiko massiv.
45:42
Dass Drogen grundsätzlich ein großes gesundheitliches Risiko darstellen, ich glaube, das müssen wir hier nicht nochmal extra erwähnen. Aber um zumindest die Gefahr von eben diesen gepanschten Drogen oder einer Überdosis durch stark potente Substanzen zu minimieren, gibt es Stellen, bei denen man die Stoffe analysieren lassen kann. Das sind sogenannte Drug-Checking-Points, oft mobile Stellen, zum Beispiel neben Festivals.
46:08
Die Idee dahinter ist folgende. Konsumenten geben einen Teil ihres Stoffs ab, zum Beispiel ein Zehntel, und ein Schnelllabor prüft, was drin ist.
46:18
Ja, und viele Bundesländer sind allerdings gar nicht so für so eine generelle Einführung. Was ist denn Ihre Haltung dazu? Halten Sie das für sinnvoll oder nicht?
46:28
Ich halte das für sehr sinnvoll und für absolut notwendig, denn beim Drug-Checking bekommen die Konsumierenden eine klare Rückmeldung nach wenigen Minuten. Nimm das auf keinen Fall oder nimm bitte nur ein Viertel oder das ist in Ordnung von der Dosis und von den Inhaltsstoffen her. Beispiel Thüringen. Dort gibt es solche Angebote bereits mit wunderbaren Ergebnissen, weil man Menschen gezielt vor lebensgefährlichem, gepanschten oder überdossigem Stoff warnen kann und die Konsumenten darauf reagieren können.
47:00
Um Menschenleben zu retten, brauchen wir in der Suchtprävention bundesweite Drug-Checking-Points.
47:06
Und welche anderen politischen Maßnahmen würden Sie sich als Präventionsbeamter denn auf nationaler Ebene sonst noch wünschen? Großbritannien hat beispielsweise erst kürzlich ein Gesetz verabschiedet, wonach alle Personen, die nach dem 1. Januar 2009 geboren wurden, ihr Leben lang keine Zigaretten- oder Tabakprodukte mehr legal erwerben dürfen.
47:29
Es ist gut, dass mehrere Länder mutig strenge Antirauchgesetze beschließen, Vapes verbieten oder weitreichende Rauchverbotszonen haben. In 50 bis 60 Jahren haben wir dort eine überwiegend rauchfreie Generation. Auch in Baden-Württemberg gelten ab sofort zusätzliche Rauchverbote für Zigaretten, Vapes, Shishas an bestimmten Orten, an denen viele Kinder und Jugendliche unterwegs sind, wie zum Beispiel Schwimmbäder, Spielplätze oder Bushaltestellen.
47:58
Ich persönlich finde Verbote im öffentlichen Raum als auch auf Straßen sinnvoll, weil es da auch andere Menschen betrifft. Und vor allen Dingen, es ist eine gute Vorbildfunktion. Als Präventionsbeamter begrüße ich aber auch grundsätzlich alle Maßnahmen, die den Konsum senken können.
48:19
Wir haben ja vorhin schon drüber gesprochen, über das Thema Cannabis. Auch politisch ein Thema, das in den letzten Jahren für viel Diskussionsstoff gesorgt hat, mit dem sogenannten Konsum-Cannabis-Gesetz. Zum 1. April 2024 beschließt die damalige Ampelregierung im Bund die Teillegalisierung von Cannabis. Erwachsene dürfen seither bis zu 25 Gramm Cannabis unterwegs dabei haben. Zu Hause sind 50 Gramm erlaubt. Wer volljährig ist, kann, wenn er will, entweder bis zu drei Cannabispflanzen zum Eigenbedarf anbauen oder einer nicht kommerziellen Anbauvereinigung beitreten.
48:59
Der kommerzielle Verkauf von Cannabis in sogenannten Coffeeshops bleibt verboten. Ebenso weiter der Besitz und Erwerb von Cannabis für unter 18-Jährige.
49:09
Erwachsenen, die vor Kindern und Jugendlichen konsumieren, droht ein Bußgeld von bis zu 1000 Euro. Ziel der Gesetzesänderung war es, laut Bundesregierung die Prävention und den Jugendschutz zu stärken, den Schwarzmarkt zu schwächen und die Justiz zu entlasten.
49:25
Im Frühjahr 2026, zwei Jahre nach dem Inkrafttreten, legt eine Gruppe beauftragter Wissenschaftler einen Zwischenbericht zur Teillegalisierung vor. Darin heißt es, dass der Konsum von Cannabis insgesamt nicht angestiegen sei. Das zeigten Abwasseruntersuchungen. Außerdem sei es tatsächlich gelungen, den Schwarzmarkt teilweise zurückzudrängen.
49:50
Aber wohl auch, weil sich immer mehr Menschen mit Privatrezepten Cannabis kaufen, das offiziell für medizinische Zwecke vorgesehen ist.
49:59
Ja, und das war eigentlich nicht der Sinn und Zweck dahinter.
50:02
Außerdem sagt der Bericht, dass der seit 2019 bestehende Trend, dass immer weniger jugendliche Cannabis konsumieren, zwar weiter anhalte, allerdings würden früh Interventionen und Beratungsangebote für junge Menschen seit der Teillegalisierung deutlich seltener in Anspruch genommen.
50:21
Man kann also sagen, ein Zwischenbericht mit Licht und Schatten. Das Forschungsprojekt zum Cannabisgesetz geht weiter. 2028 soll es einen Abschlussbericht geben.
50:36
Die Teillegalisierung von Cannabis sollte also unter anderem auch den Schwarzmarkt zurückdrängen. Allerdings haben die Behörden im Jahr 2025 nicht nur in Deutschland, sondern laut dem Forschungsbericht auch im Rest Europas deutlich mehr Cannabis sichergestellt als davor.
50:55
Was man übrigens mal betonen muss, die Wahrscheinlichkeit durch den Kauf von Drogen, die organisierte Kriminalität mitzufinanzieren, die auch mit Waffen- bzw. Menschenhandel und Zwangsprostitution ihr Geld verdient, ist durchaus groß.
51:10
Und dennoch ist der internationale Drogenhandel ein Multimilliarden-Dollar-Geschäft, so Oberstaatsanwalt Erik Sammel.
51:17
Für die Kartelle gehe es natürlich darum, Verluste zu vermeiden. Aus ihrer Sicht darf die Ware von den Sicherheitsbehörden an der Grenze nicht entdeckt werden. Wenn die Drogen also nicht per Post verschickt werden, dann werden sie meist zusammen mit vermeintlich legaler Ladung geschmuggelt.
51:34
Ja, nehmen Sie eine große Lieferung Kaffee. Kaffeelieferung im großen Stil. Wir denken jetzt mal zum Beispiel an riesengroße Säcke, dann sind halt in diesen Säcken zusätzlich auch Behältnisse inkorporiert, die dann die Betäubungsmittel enthalten. Nur um jetzt mal ein ganz plattes Beispiel zu nehmen, wie es...
51:53
schon in der Vergangenheit vorgekommen ist. Man versucht natürlich auch immer kreativer zu werden und das Entdeckungsrisiko so gut es geht zu minimieren.
52:03
Drogen versteckt in Lebensmitteln, versteckt in Holzgegenständen, in Materialien der Stahlindustrie, doppelte Böden in Containern, doppelte Wände in LKW, all das gibt es, sagt Sammel. Der Aufwand, der betrieben werde, sei enorm.
52:19
Unabhängig davon gibt es natürlich auch immer noch die Option, gerade jetzt im Bereich Kokain oder Heroin, das Ganze durch sogenannte Bodypacker transportieren zu lassen. Also Leute, die dann im Herstellungsland angeworben werden, um quasi kleine Plomben dann zu verschlucken und über den Flugtransit... dann ins Land kommen und da wäre zum Beispiel Frankfurt am Main als internationaler Flughafen zu nennen, da kommt das immer mal wieder vor, wo die Leute dann halt aus entsprechenden Ländern einreisen und dann in einer Kontrolle des Zolls zum Beispiel auffallen und dann festgestellt wird, dass die mehr oder weniger den ganzen Magen mit kleinen verplombten Päckchen mit Heroin oder Kokain gefüllt haben.
53:11
Wir wollten vom Oberstaatsanwalt wissen, wie gefährlich es ist, in diesem Bereich zu ermitteln, wenn Kartelle, Mafia und Co. ihr Geschäft mit solch hoher krimineller Energie vorantreiben und bekanntlich auch vor schwerer Gewalt nicht zurückschrecken.
53:26
Natürlich machen sie sich gerade in solchen Strukturen dann keine Freunde, je intensiver sie versuchen, diese Strukturen zu zerschlagen.
53:37
Das kann durchaus, das habe ich selbst auch schon erlebt, zu entsprechenden Bedrohungsszenarien führen. Das kann durchaus auch zu Übergriffen führen. Unterm Strich muss man aber auch sagen, dass das originäre Interesse in einem so hochprofessionellen Segment, natürlich darin liegt, so wenig wie möglich mit den Ermittlungsbehörden zu tun zu haben. Denn jeder Kontakt mit uns ist unterm Strich geschäftsschädigend.
54:13
Herr Mergenthaler, nach allem, was wir heute von Ihnen über Drogen erfahren haben, fragen sich sicher viele unserer Hörerinnen und Hörer mit Kindern jetzt, wie kann ich meinen Sohn, meine Tochter vor der Gefahr durch Drogen schützen? Welche Antwort haben Sie da?
54:27
Wir Eltern, wir Erwachsene, wir sind das wichtigste Vorbild positiv als auch negativ. Was lernen unsere Kinder? Wie lösen meine Eltern Probleme? Mit Gesprächen, mit Bewegung, mit Pausen oder mit Alkohol, Zigaretten und Tabletten? Eltern sollten ihr eigenes Konsumverhalten kritisch prüfen.
54:49
Alkohol, Rauchen und Medikamente sind in unserem Alltag verwurzelt. Wir sollten aber möglichst konsumarm das Ganze vorleben und vielleicht auch Alternativen dazu haben oder nicht jeden Tag Alkohol konsumieren. Kindern können wir aufzeigen, man kann feiern, man kann Stress bewältigen und man kann sich belohnen, auch ohne Substanz. Natural high.
55:16
Natural High. Was ist das? Was kann ich mir darunter vorstellen?
55:20
Ein Projekt aus den USA, wo Kinder, Jugendliche lernen, natürliches Dopamin auszustoßen. Durch Bewegung, durch Erlebnisse, durch Erklimmen eines Berges zu merken, dass wir auch natürlich Glückshormone ausstoßen können und eben keine Drogen brauchen, um dieses Gefühl zu erleben. Mhm.
55:40
Ja und jetzt kommen wir wieder zurück zu dem Thema, wenn das Kind jetzt schon Probleme entwickelt hat mit Drogen. Was haben Sie denn da für eine Antwort?
55:49
Unter anderem sind klare Regeln wichtig. Zu Hause kein Konsum von Drogen. Keine Freundinnen, keine Freunde, die vielleicht Substanzen mitbringen und dann gemeinsam mit den Jugendlichen im Kinderzimmer konsumieren. Das Suchtverhalten darf auf keinen Fall finanziell unterstützt werden. Gegebenenfalls muss man hier kürzen. Es darf kein Geld geben, das offensichtlich in den Konsum fließt.
56:13
Gleichzeitig, und jetzt wird es wirklich schwierig für die Eltern, müssen wir Vertrauensperson bleiben, nicht nur Kontrolleur sein, sondern immer wieder die Person, die Angebote macht. Beispielsweise könnte der Satz lauten, wenn du merkst, es wird zu viel, ich helfe dir, ich, wir sind für dich da, wir sind deine Rückfallebene. Genauso könnte man Alternativen aufzeigen für das Kind.
56:40
Es könnte von einer belasteten Klicke in eine andere Klicke, in eine stabilere Klicke wechseln. Das funktioniert im Sportverein sehr gut und man kann das Kind bestärken, auch einmal Nein zu sagen und zu sagen, ich wechsle jetzt, das ist nicht uncool, sondern es tut mir einfach nur gut.
56:57
Nicht nur mit Druck arbeiten. Verbote und der erhobene Zeigefinger helfen da nichts. Das entfernt die Kinder eher von den Eltern nach dem Motto, du musst jetzt in eine Therapie. Das wird nicht funktionieren, sondern das frühzeitige Ansprechen von Hilfsangeboten.
57:14
sich zu informieren als Eltern und als Erwachsene. Man kann Eltern nicht zumuten, dauerhaft alles auszuhalten, insbesondere wenn sich der Konsum steigert und der Jugendliche vielleicht etwas abdriftet. Aber ideal wäre schon, auch wenn es schwerfällt, immer wieder verlässlich da zu sein, das letzte Netz, die Rückfallebene zu sein und immer wieder die Hand hinzuhalten. Gegebenenfalls auch im erweiterten Umfeld Hilfe zu organisieren, im Freundeskreis die Schule mit einzubeziehen oder schon Beratungsstellen aufzusuchen, die auch Hilfsangebote für Eltern bereithält.
57:51
Ja, auch für die Eltern sicherlich eine extreme Situation. Man bekommt ja gelegentlich mit, dass Menschen mit Suchterkrankungen, egal ob jung oder alt, die Hilfe anderer Personen immer und immer wieder ablehnen. Das ist ja dann auch nicht nur für die Eltern schlimm und frustrierend, sondern auch für Freunde und Angehörige. Welche Erfahrungen haben Sie da gemacht?
58:11
Da gibt es einen Satz aus der Beratungsszenerie, die heißt, die Droge wehrt sich gegen den Retter. Das heißt, die Droge wird uns als kleines Teuflchen auf der Schulter immer wieder einsagen, hey, ich bin dein Freund, ich bin für dich da, die wollen dir nichts Gutes.
58:29
Das Grundprinzip hier, Hilfe funktioniert nur, wenn der Betroffene, die Betroffene selbst eine Bereitschaft dazu entwickelt, ich habe ein Problem, ich will da raus, ich lasse mir helfen. Viele Alkoholkranke zum Beispiel gehen bis zum untersten Ende dieser Suchtspirale, sie haben den Verlust der Familie zu erleben, Vieles an Eigentum geht kaputt und auch, wie immer, die komplette Gesundheit. Erst wenn alles kaputt ist, greifen die Betroffenen nach der Hand, die jahrelang ihnen Hilfe angeboten hat.
59:03
Bei anderen Substanzen kommt es oft früher zum Ausstieg. Gerade synthetische Drogen führen sehr schnell zu schweren körperlichen Effekten wie Nahtoderfahrungen und die Betroffenen greifen dann teilweise früher nach der helfenden Hand.
59:19
Haben Sie vielleicht einen Tipp für Menschen, die eine suchtkranke Person im Familien- oder Freundeskreis haben?
59:25
Wichtig ist es, im Gespräch zu bleiben. Beziehung und emotionale Nähe nicht abbrechen zu lassen, auch wenn man vielleicht verletzt wird, enttäuscht wird und oft frustriert ist.
59:37
Konkrete Hilfsangebote für den Moment der Einsicht sollte man parat haben, sozusagen in der Schublade liegen haben. Diesen klaren Moment mit einem Satz wie, mir geht es so schlecht, bitte hilf mir, ich will jetzt aufhören, den gibt es nicht oft.
59:53
In diesem Moment müssen Angehörige, müssen wir als Helfer präsent und sofort handlungsbereit sein. Gemeinsam vielleicht einen Termin vereinbaren, gemeinsam hinbegleiten, immer wieder Hilfe anbieten, immer wieder zur Seite stehen.
60:10
Sie haben bei der Münchner Polizei einen Präventionskurs mit dem Namen Sauberbleiben entwickelt. Was ist dabei Ihr Ansatz?
60:17
Sauberbleiben, das ist die bayerische Variante von Bleib Sauber. Eines von vier Präventionskursen, die wir bei der Münchner Polizei anbieten, neben Ich-Stärke, Zivilcourage und Medienkompetenz. Die Konzepte richten sich ausschließlich an Erwachsene und damit Lehrkräfte, Sozialarbeitende und Jugendbeamte der Münchner Polizei, die dann direkt an Schulen und Institutionen gehen und diese Konzepte durchführen, diese Kurse mit den Jugendlichen.
60:49
Die Kursausbildung dauert zwei ganze Tage. Ziel dabei ist, Multiplikatoren zu trainieren, die als Pädagogen oder Sozialarbeitende in die Schulen gehen, in die Institutionen gehen und mit den Jugendlichen jetzt das Erlebte erspielen und mit vertiefenden Fragen über Probleme diskutieren, über Psyche diskutieren und Lösungsmöglichkeiten anbieten.
61:15
Wie wir erfahren haben, arbeiten Sie in diesem Kurs ja ganz bewusst nicht mit Abschreckung, also nicht mit Angstbildern oder Drogenschicksalen. Warum nicht?
61:24
Ja, ähnlich wie in den 80ern und 90ern. Die klassische Abschreckung, als man mit Bildern aufgetaucht ist aus der offenen Szene, die Spritze steckte noch im Arm und die Drohung war, wenn du Heroin nimmst, dann wirst du sterben. Das möchten wir heute so nicht mehr tun. Wir haben uns weiterentwickelt und heute funktioniert das.
61:46
Prävention ganz anders. Heute funktioniert Prävention mit Aufklärung. Wir möchten aufzeigen, über die Gefahren hinweisen und vor allen Dingen beiseite stehen, auch mit Ratschlägen. Denn auch immer wieder werden wir angefragt, haben sie nicht Kontakt zu ehemaligen Drogenabhängigen, die uns ihre Geschichte erzählen könnten und wir könnten die Jugendlichen damit motivieren, keine Drogen zu nehmen.
62:12
Wir haben eher die gegenteilige Erfahrung, dass Jugendliche dann sagen, der hat es auch geschafft, dann ist das gar nicht so schlimm mit den Drogen, ich komme schon wieder raus. Das ist ein gefährlicher Ansatz. Wir nehmen hier den pädagogischen Weg der Aufklärung über Wissen und Verhaltenstraining. Wir wollen soziale Kompetenz aufbauen, Jugendliche stärken, auch Nein zu sagen, Nein sagen zu dürfen, dass es nicht uncool ist, auch vor der Gruppe Nein zu sagen und vor allen Dingen auch starke Familien und das starke Umfeld herauszuheben und zuletzt die starke Persönlichkeit aller Betroffenen einfach mal Nein zu sagen.
62:52
Das heißt aber, die Literatur, die klassische, wie Kinder vom Bahnhof Zoo, ist für Sie keine Empfehlung mehr?
62:58
Nun, da rutscht man wieder zurück in die 80er. Da war das die Art der Prävention. Wir bleiben heute bei den sozialen Kompetenzen, bei Lebenskompetenzen nach Antonowski. Das ist auf dem breiten Feld die Art der Prävention, die wir betreiben.
63:14
Die ausgebildeten Multiplikatoren vermitteln diese Infos dann in den verschiedenen Einrichtungen weiter. Das haben Sie ja schon erklärt. Allein in München gibt es davon zum Thema Drogen über 30 Stück für Schlafplätze, Therapieangebote und Entzugsprogramme. Deutschlandweit sind es natürlich noch viel, viel mehr. Wir packen einige Links zu Hilfsprogrammen und die Nummer der Sucht- und Drogen-Hotline in die Shownotes zu dieser Folge.
63:39
Damit sind wir am Ende dieser Folge. Wir verabschieden und bedanken uns ganz besonders bei Ihnen, Michael Mergenthaler, für die Einblicke in Ihre Arbeit.
63:48
Herzlichen Dank, dass ich da sein dürfte.
63:50
Dankeschön, auch von mir. Außerdem bedanken wir uns bei Oberstaatsanwalt Dr. Erik Samel für die Einblicke in seine Arbeit bei der Strafverfolgung organisierter Kriminalität im Drogenmilieu. Ein weiterer besonderer Dank gilt dem Autor dieser Folge, Jonas Wengert.
64:08
Und damit sage ich, das war's. Bis zum nächsten Mal.
64:11
Tschüss und bis bald zur nächsten Folge.
64:13
Und bleibt sicher.
64:15
An dieser Folge mitgearbeitet haben Katharina Jakob und Zoe Jungblut. Für Ton und Technik sorgten Stefan Gossen und Florian Oswald. Die Regie hatte Alexa Waschkau und die Redaktion im ZDF hatten Kirsten Zilonka und Sonja Roy.
64:31
Die Podcast-Folgen könnt ihr übrigens auch auf dem ZDF True Crime YouTube-Kanal anhören, den Link dazu. Wie auch alle Infos zu dieser Folge findet ihr wie immer in den Shownotes. Aktenzeichen XY – Unvergessene Verbrechen ist eine Produktion der Securitel in Kooperation mit Bummfilm im Auftrag des ZDF.