00:03
ARD Sounds Berlin-Neukölln im Sommer 2021. Vor einem Wohnhaus in der Reuter Straße hält ein Taxi. Als der Fahrer kassieren will, bitten ihn die Passagiere auf der Rückbank, einen Augenblick zu warten. Sie würden gern noch weiterfahren und müssten nur kurz etwas abholen.
00:32
Kurz darauf kehren die beiden Männer mit einem schwarzen Koffer zurück. So groß und so schwer, dass sie ihn nur zu zweit tragen können.
00:45
Im Visier. Verbrecherjagd in Berlin und Brandenburg. Ein Podcast vom rbb.
00:55
Mit Elvira Siebert.
00:57
Meine Kollegin beim Fahndungsmagazin Täter, Opfer, Polizei im Rundfunk Berlin-Brandenburg. Und mit Uwe Madl.
01:04
Genau, dem Mann, der viele Fälle hier im Podcast von im Visier von Anfang an begleitet hat, als Autor und Moderator der Sendung Täter, Opfer, Polizei. Gemeinsam schauen wir hier auf wahre Verbrechen, auf wahre Kriminalfälle aus Berlin und Brandenburg. Und mehr davon finden Sie in der ARD Sounds App.
01:22
Wir sprechen heute über einen Fall, der vor fünf, sechs Jahren viele Menschen sehr bewegt hat und 2021 sogar im Wahlkampf in Berlin eine Rolle gespielt hat. Es geht um den Tod einer unglaublich mutigen jungen Frau. Einer Frau, die aus Afghanistan nach Deutschland kam, um für sich und ihre beiden Kinder ein besseres Leben aufzubauen. Ohne Gewalt und ohne Armut und ohne Angst. Doch dann hat sie hier, noch gefangen in der alten Welt, ein Martyrium erlebt.
01:50
Bemerkenswert an diesem Fall ist auch die Ermittlungsarbeit. Sie fand nämlich in Berlin und Bayern statt und am Ende mussten die Ermittler eine Tat rekonstruieren, die so gut wie keine physischen Spuren hinterlassen hatte, zumindest nicht am Tatort. Wie das alles gelang, das hören wir heute.
02:10
Natürlich geht es heute auch darum, wie archaische, vor allem frauenfeindliche Wertvorstellungen zu furchtbaren Verbrechen führen können. All das besprechen wir mit Antonia Ernst, die damals als Staatsanwältin die Ermittlungen geleitet hat und für die dieser Fall bis heute ein ganz besonderer ist.
02:28
Schon im Rahmen des Ermittlungsverfahrens, also vor der eigentlichen Hauptverhandlung, wurde für mich deutlich, dass das sicherlich einer der bedeutendsten Fälle meiner Karriere sein könnte. Das zeigte sich allein schon dadurch auch, dass es nicht normal ist, dass man in Berlin ermittelt, genauso wie man aber auch in Bayern ermittelt, dass wir so viele Indizien über Beweise sammeln mussten, dass man wirklich Tage nachvollziehen konnte, wie die verbracht wurden durch die Beschuldigten und die dann im Rahmen eines wirklich großen Puzzles ein Gesamtbild ergaben, was ich so noch nicht erlebt hatte.
03:13
Es ist der 15. Juli 2021, das ist ein Donnerstag. Farok K., ein deutscher Iraner, ist aufgebracht. Er kann seine Freundin Mariam H. seit zwei Tagen nicht mehr erreichen. Ihr Handy ist ausgeschaltet, was sonst über so einen langen Zeitraum nie der Fall ist. Seit gut drei Jahren sind die beiden ein paar, wenn auch die meiste Zeit heimlich. Farok K. geht zur Polizei und meldet seine Freundin als vermisst.
03:44
Als VK mit den Polizisten spricht, hat er für alle sichtbar große Angst um seine Freundin und befürchtet sogar, dass sie tot sein könnte. Die Polizei nimmt das ernst und beginnt zu ermitteln, auch in der Flüchtlingsunterkunft in Hohenschönhausen, der Mariam H. mit ihren beiden Kindern lebt. Die Tochter ist neun und der Sohn 13 Jahre alt und Mariam selbst 34.
04:07
Was die Polizisten in diesem Wohnheim in Hohenschönhausen erfahren, ist alarmierend. Die Mutter ist verschwunden, aber die beiden Kinder, die sind noch da. Auch die sind in großer Sorge und wissen nicht, wo ihre Mutter sein könnte. Schnell wird klar, das ist vermutlich mehr als nur ein Vermisstenfall. Und deshalb wird auch Staatsanwältin Antonia Ernst informiert.
04:29
Ich wurde in meiner Bereitschaft von der Mordkommission der Bereitschafthabenden angerufen. Und die haben mir gesagt, dass sie einen Vermisstenfall gerne übernehmen würden. Und das bedeutet dann aber, diesen auch gleich tatsächlich als ein Verbrechen einstufen, also nicht mehr als bloßen Vermisstenfall, da eine junge Mutter verschwunden sei. Und alle bisherigen Zeugen gesagt hätten, dass diese Mutter niemals ihre beiden Kinder...
04:59
alleine lassen würde oder zurücklassen würde. Und deswegen ist die Polizei relativ schnell davon ausgegangen, dass hier doch ein Verbrechen vorliegen könnte.
05:08
Das heißt, möglicherweise ist Mariam H. entführt oder umgebracht worden, so wie es ihr Freund von Anfang an befürchtet hatte. Deshalb übernimmt nun die dritte Mordkommission die Ermittlungen in Berlin gemeinsam mit der Staatsanwältin. Und na klar, als erstes wird geprüft, wann und wo ist Mariam H. das letzte Mal gesehen worden.
05:30
Verschiedene Zeugen aus dem Wohnheim erzählen jetzt, dass die Tage vor dem Verschwinden keine normalen Tage für Mariam H. gewesen waren. Denn etwas überraschend scheint sie vor einer großen Veränderung zu stehen. Eine Veränderung, auf die sie seit 2015, also seitdem sie aus Afghanistan geflüchtet ist und in Berlin ankam, immer gehofft hatte.
05:50
Ihr größter Traum war es, eine Wohnung in Berlin zu finden. Und das wissen wir alle, ist sowieso schwierig, aber natürlich unter solchen Umständen vielleicht noch schwieriger. Und am Tag vor ihrem Verschwinden hatte sie verschiedenen Freunden mitgeteilt, dass sie die Aussicht auf eine Wohnung hätte und am nächsten Tag, also am 13. Juli 2021, eine Wohnungsbesichtigung hätte.
06:17
Mariam H. ist deswegen ganz euphorisch und erzählt ihrem Freund Farouk K. sofort alle Einzelheiten, dass es da um eine Vierzimmerwohnung in Neukölln gehe und die noch dazu sehr günstig sei. Das habe sie ihrem Bruder zu verdanken, der sich um alles gekümmert habe.
06:36
Endlich raus aus dem Wohnheim und mit ihrem Freund und den Kindern. Ein eigenes Leben beginnt. Was für ein Glücksfall.
06:43
Also zuerst große Freude und große Hoffnung und dann verschwindet Mariam H. genau am Tag der geplanten Wohnungsbesichtigung. Gibt es da vielleicht einen Zusammenhang? Die Polizei prüft jetzt das persönliche Umfeld der Vermissten und entdeckt eine Vorgeschichte voller Gewalt.
07:08
Die Ermittler stoßen als erstes auf den Vater ihrer beiden Kinder. Habib H., ebenfalls Afghane, und inzwischen der Ex-Mann von Mariam. Ihre Familie in Afghanistan hatte sie gezwungen, den ihr völlig fremden und 13 Jahre älteren Mann zu heiraten. Mariam war da gerade 16 Jahre alt.
07:29
In den Augen der Familienoberhäupter sprach vor allem eines für ihn. Er ist ein Sadat und stammt aus derselben ethnischen Gruppe wie die Familie von Mariam. Eine muslimische, eine schiitische Minderheit, die für sich in Anspruch nimmt, direkte Nachfahren des Propheten Mohammed zu sein. Daraus resultiert ein gewisser Ehrenstatus, verbunden mit besonders strengen Wert- und Moralvorstellungen.
07:54
Da sind ja strenge Wert- und Moralvorstellungen erstmal nichts Schlechtes. Aber für Mariam H. begann mit der Zwangsheirat eine Leidenszeit. Habib H. schlug, demütigte und misshandelte sie, und zwar jahrelang. Was auch zu dauerhaften, körperlichen und seelischen Schäden geführt hat. Zweimal versuchte sie sich deshalb mit Rattengift das Leben zu nehmen.
08:18
Das Ehepaar bekam zwei Kinder, bis dann Anfang 2015 einiges anders wurde. Habib H. entschloss sich, mit dem damals sieben Jahre alten Sohn Afghanistan zu verlassen und nach Deutschland zu flüchten. Mariam sollte später hinterherkommen. Das passierte auch im Herbst 2015. Da folgte Mariam mit der gerade drei Jahre alten Tochter und dann waren in Berlin alle wieder vereint.
08:43
Und hier in Berlin begann für die Familie dann ein völlig neues Leben in einer Flüchtlingsunterkunft. Aber eines, das blieb wie immer. Habib H. schlug und misshandelte seine Frau und seine Kinder.
08:56
Uns wurde sehr schnell bekannt, dass es zu Gewaltvorfällen kam. Unter anderem soll es letztendlich als Auslöser für die dann auch folgende Scheidung dazu gekommen sein, dass der Ex-Mann von Mariam H. sie versucht hat mit kochendem Wasser.
09:14
Zum Glück hat das Sicherheitspersonal im Flüchtlingsheim diese Attacke verhindern können. Die Polizei bringt dann Mariam H. und ihre Kinder in eine anonyme Notunterkunft und der Ehemann bekommt nach dem Gewaltschutzgesetz ein Annäherungsverbot. Und wir haben es gerade von Antonia Ernst gehört, Mariam H. will jetzt im Jahr 2017 die Trennung.
09:36
Und ein gutes Jahr später, am 13. Dezember 2018, wird die Ehe dann nach deutschem Recht standesamtlich geschieden. Aus Sicht von Mariam eine unglaublich mutige und potenziell auch gefährliche Entscheidung, denn Habib H. will die Scheidung nicht akzeptieren.
09:55
Nee, nach seiner Vorstellung und auch der Überzeugung, beide afghanische Familien hat eine Frau überhaupt nicht das Recht, sich scheiden zu lassen. Denn es sind die Männer, die alle Entscheidungen treffen.
10:06
Es wurde deutlich von den Geschichten, die Mariam H. gegenüber Freundinnen vor allem hier in Berlin berichtet hatte, dass sie in einer sehr, sehr konservativen Familie aufgewachsen ist, wo vor allem ein Frauenbild vorherrscht, das besagt, dass die Frau keinen wirklichen eigenen Wert hat, vor allem keine Rechte, sondern letztendlich ihre Pflichten zu erfüllen hat.
10:31
und keine Mitbestimmung hat dahingehend, was mit ihrem Leben passiert, auch nicht wo die Liebe hinfallen soll oder wen sie ehelichen soll.
10:41
Eine Scheidung, die allein von der Frau ausgeht, ist in so einer traditionellen afghanischen Familie etwas, was es nicht geben darf. Das ist eine Schande und ruiniert die Ehre der gesamten Familie. Und doch hat Mariam H. genau das gewagt, um sich einfach aus dem Zwang und aus der Gewalt zu befreien. Hat also Habib H. jetzt möglicherweise etwas mit der Entführung seiner Ex-Frau zu tun, um Rache zu nehmen?
11:10
Der Verdacht könnte aufkommen, aber er hält sich nicht allzu lange. Denn Habib Haar hat für den 13. Juli, also den Tag, an dem Mariam Haar verschwunden ist, ein sicheres, ein nachprüfbares Alibi. Er war den ganzen Tag in Berlin-Wedding, also weit weg von Hohenschönhausen und auch von Neukölln, wo es ja die Wohnungsbesichtigung geben sollte.
11:31
Hat dann vielleicht Mariams Familie selbst etwas mit ihrem Verschwinden zu tun? Sollte durch diese Entführung eine verletzte Familienehre wiederhergestellt werden? Zwar leben die Eltern weiter in Afghanistan, aber es gibt inzwischen drei Brüder, die in Deutschland sind.
11:52
Mariam H. lebt in Berlin in zwei Welten. Da ist auf der einen Seite die alte Heimat Afghanistan mit vielen Traditionen, die auch sie verinnerlicht hat. Und da sind auf der anderen Seite all die neuen Möglichkeiten in Deutschland. Das sind die Beispiele anderer muslimischer Frauen, die viel freier und selbstbestimmter leben und die sie hier nach und nach kennenlernt.
12:13
Schauen wir aber erstmal auf die Seite der alten Heimat, auf die Verhältnisse, in denen Mariam in Afghanistan aufwächst. Es ist eine arme Familie mit acht Kindern. Mariam muss sich schon als Mädchen um ihre Geschwister kümmern. In die Schule gehen darf sie nicht. Ihr Vater ist das Familienoberhaupt. Bestimmt alles und das häufig auch mit Gewalt.
12:34
Staatsanwältin Antonia Ernst fasst das für sich und für uns so zusammen.
12:40
Auch wenn wir nicht Details wussten darüber, wie sie aufgewachsen ist, wurde sehr deutlich, dass sie erstens in nicht unbedingt finanziell gut aufgestellten Verhältnissen aufgewachsen ist und vor allem halt aufgrund des vorherrschenden Frauenbildes ja gar keine eigenen Freiheiten hatte. Aber dennoch hat sie das wenig thematisiert wohl gegenüber Freunden Und vielmehr dazu gestanden, dass sie auch weiterhin mit ihren beiden Brüdern hier in Berlin Kontakt hielt.
13:11
Insgesamt gibt es sogar drei Brüder, die in Deutschland leben. Wir haben das ja schon gesagt. Aber zu zweien hat sie eben recht engen Kontakt.
13:19
Alle kamen als Flüchtlinge nach Deutschland und obwohl die Asylanträge abgelehnt wurden, durften alle bleiben. Ein Bruder, Madi H., lebt in Berlin. Mit ihm ist sie 2015 gemeinsam aus Afghanistan geflohen. Er wurde von der Familie quasi als Aufpasser mitgeschickt. Und der andere, Yusuf H., lebt in Donauwörth in Bayern.
13:42
Und für diesen Jusuf Ha interessieren sich die Ermittler jetzt ganz besonders, denn genau mit ihm war Mariam am Tag ihres Verschwindens am 13. Juli 2021 verabredet, zur Besichtigung der Wohnung in Neukölln, die er für sie gefunden hat.
13:57
Und für diesen Besichtigungstermin ist Jusuf Ha extra aus Donauwörth nach Berlin gekommen. Es sieht also so aus, als wollte der Bruder seiner geschiedenen und alleinerziehenden Schwester jetzt helfen, auf eigenen Beinen zu stehen. Doch in Wirklichkeit geht es um etwas ganz anderes.
14:23
Ja, zunächst mal geht es um Kontrolle. Das bezieht sich vor allem auf die Zeit, die Mariam getrennt von ihrem Mann bzw. Ex-Mann verbracht hat. Die Ermittler finden heraus, dass Yusuf Haar sehr häufig von Bayern nach Berlin gereist ist. Dort treff er dann seinen Bruder Mardi und gemeinsam haben die beiden fast jedes Wochenende bei Mariam in der Flüchtlingsunterkunft verbracht und zwar nicht ausgesprochen. um ihre ältere Schwester und die Kinder zu unterstützen.
14:48
Nein, sondern es geht, so wie du es schon gesagt hast, den älteren Brüdern darum, Kontrolle auszuüben. Und auch, um ihre große Schwester zu bestrafen, die sich ja von ihrem Mann getrennt hatte. Weil sie deshalb in den Augen der Familie ein Schandfleck war, musste sie nun auf den sogenannten ehrbaren Weg wieder zurückgebracht werden. Wenn es sein muss, auch mit Gewalt, so haben es die Brüder zumindest gesehen.
15:14
Und so verhalten sich auch die beiden Brüder bei ihren Besuchen im Wohnheim in Hohenschenhausen. Die übrigens deshalb an den Wochenenden passieren, weil da kaum Mitarbeiter da sind, die mal nachfragen könnten, was sie da eigentlich machen. Denn dauerhaft zu übernachten ist im Wohnheim eigentlich nicht erlaubt.
15:31
Aber weil ja kaum jemand da ist, fragt keiner nach. Und so lassen sich die beiden von ihrer Schwester und den Kindern bedienen und bewirten. Dabei beschimpfen und schlagen sie ihre Schwester und sogar ihre Kinder. Und die Botschaft ist ganz klar, die sie aussenden wollen. Jetzt sind wir es, die über dein Leben bestimmen.
15:51
Sie haben wirklich jeden Schritt von ihr kontrolliert, haben Kontrollanrufe auf ihrem Handy gemacht, aber auch auf dem Handy ihres Sohnes, damit dieser den Brüdern mitteilt, also den Onkeln dann quasi mitteilt, wo sich die Mutter gerade befindet, was sie gemacht hat, wie der Tag aussieht.
16:11
Das heißt, sie bauen diesen Jungen quasi als Hinweisgeber auf, als Mitkontrolleur und befehlen diesem 13-Jährigen dann auch zuzuschlagen, wenn sich seine Schwester und seine Mutter nicht an Verabredung halten würden. Denn wenn sie, die Brüder, nicht da sind, dann ist er zuzuschlagen.
16:31
Das spätere Urteil in diesem Fall ist über 140 Seiten lang und sehr detailliert wird dort beschrieben, wie sich die Brüder immer wieder als Herrscher über ihre ältere Schwester aufspielen. Die Schwester, die ihre Brüder damals in Afghanistan großgezogen hatte. Sie konnten oft nicht glauben, was da stand. Nur zum Arbeiten, nur zum Putzen darf Mariam das Heim verlassen, weil sie da Geld verdient, natürlich schwarz. Geld, das sie nach Afghanistan schicken soll, zur Familie.
16:58
Dieses herrische und brutale Verhalten der beiden Brüder ist für die Polizei natürlich interessant.
17:04
Die vermeintliche Wiederherstellung der Familienäre, ist das vielleicht ein Motiv, die Schwester zu entführen oder sogar Schlimmeres zu tun? Doch Josef und Madiha beteuern, sie hätten nichts mit dem Verschwinden ihrer Schwester zu tun.
17:20
Das Verhältnis zwischen den Geschwistern ist sehr kompliziert und widersprüchlich und oft nur schwer nachvollziehbar. Denn auch wenn es unglaublich klingt, die Ermittler hören immer wieder von ganz verschiedenen Zeugen, Mariam habe ihre jüngeren Bruder respektiert und geliebt. Trotz der Gewalt und trotz der Schikane. Zumindest gab es nie eine Anzeige bei der Polizei.
17:42
Es sind nun mal die Brüder. Es gab ja auch schöne Momente mit den Brüdern. Es war Familie. Der Rest der Familie war weit weg quasi unerreichbar im Iran und in Afghanistan. Und man ist außerdem aufgewachsen als Frau, damit quasi die Brüder als Männer in der Familie auf einen Sockel zu stellen. Ich glaube, das macht viel mit einem. Und da muss schon viel passieren, bevor man wirklich sagt, okay, ich gehe zur Polizei und belaste meine eigenen Brüder.
18:17
Mariam H. hat also vielleicht sogar akzeptiert, dass die Brüder in der Familienordnung über ihr stehen. Sie stellt diese Tradition nicht grundsätzlich in Frage, will sich aber verständlicherweise auch nicht ständig rumkommandieren lassen. Aber, und auch das sagen mehrere Zeugen, genau deshalb hat sie auch große Angst vor ihnen. Denn sie hat ein Geheimnis, das auf keinen Fall auffliegen darf.
18:51
Wir gehen nochmal zurück an den Anfang. Da haben wir erzählt, dass Mariam H. von ihrem Freund als vermisst gemeldet worden ist, dem Deutsch-Iraner Farouk K. Die beiden lernen sich im April 2017 in der Notunterkunft kennen, in die Mariam damals vor ihrem gewalttätigen Ehemann geflohen ist.
19:08
Farouk K. ist ein liberaler und weltoffener Mann und arbeitet in der Unterkunft als Familienhelfer. Beide sprechen Farsi und schnell wird klar, sie verstehen sich sehr gut.
19:19
Und dann wird daraus sogar eine Liebesbeziehung und zwar Anfang 2018. Zum ersten Mal entscheidet sich Mariam H. selbst für jemanden und zum ersten Mal fühlt sie sich von einem Mann wertgeschätzt.
19:33
Alles könnte also schön sein, wenn da nicht diese strengen Sitten ihrer Familie wären.
19:39
Deshalb muss die Beziehung zunächst geheim bleiben. Denn Mariams Brüder dulden keine Kontakte zu Männern außerhalb der eigenen Familie. Für sie ist und bleibt Mariam die Frau von Habib H., dem gewalttätigen Mann, den der Vater in Afghanistan für sie ausgesucht hatte.
19:56
Und deshalb wird weiter kontrolliert und deshalb wird weiterhin ständig überwacht. Das heißt, wann immer sich Maria mit ihrem Geliebten trifft, muss sie darauf vorbereitet sein, dass ein Kontrollanruf der Brüder kommt oder dass die Brüder ihre Kinder fragen, wo sie denn ist und mit wem. Das kann man sich vorstellen, das ist purer Stress. Das sieht auch die Staatsanwältin Antonia Ernst so.
20:21
Ich gehe davon aus, dass sie in ständiger Angst lebte, zumal es ja auch einmal tatsächlich vorgekommen ist, dass ihr Freund von den Brüdern erwischt wurde, wie er bei ihr in ihrer Wohnung war. Also sie alleine mit einem Mann, mit dem sie nicht verheiratet war.
20:39
Das passiert bereits im März 2018, also ganz am Anfang der Beziehung. Frau K. hatte gerade ein paar Pakete vorbeigebracht, als plötzlich Mariams Bruder Yusuf vor der Tür steht, bei einem dieser überraschenden Kontrollbesuche. Mariam H. gerät in Panik, denn allein, dass da ein Mann in ihrer Wohnung ist, der nicht zur Familie gehört und dass sie in der Wohnung kein Kopftuch trägt, das ist aus der Sicht ihrer Aufpasser schon ein Skandal, eine Schande.
21:06
Die unmittelbare Situation konnte etwas entschärft werden, dadurch, dass Faroukar auch immer wieder beteuerte, hier in seiner Funktion als Familienhelfer da zu sein, als Betreuer quasi. Allerdings zeigte sich auch, dass der Bruder das nicht vollends glaubte, denn wenige Tage später haben alle drei Brüder, hatte sie ja hier in Deutschland insgesamt, gemeinsam den Faroukar wieder abgepasst und dann auch mit einem Messer bedroht.
21:35
Und tatsächlich gesagt, wenn er sich nochmal der Schwester nähern sollte, würden sie ihn umbringen.
21:41
Dieser dritte Bruder, der taucht übrigens nur in dieser Szene auf. Den größten Anteil der Zeitspanne, die wir hier in der Podcast-Folge behandeln, sitzt er nämlich im Gefängnis wegen versuchten Totschlags.
21:55
Farok K. will nach diesem Angriff zur Polizei und Anzeige erstatten, doch Mariam fleht ihn an, das nicht zu tun. Sie hat Angst, dass diese Anzeige die Brüder noch wütender machen könnte und dass sie Farok K. dann niemals als neuen Partner akzeptieren würden. Sie bringen nicht nur dich um, sagt sie, sie bringen auch mich um.
22:24
Wir machen jetzt einen Zeitpunkt. 2018 wurden Mariam H. und ihr Familienhelfer Farouk K. ein Liebespaar, ein heimliches Liebespaar. Und nun sind wir im Sommer 2021, an dem Tag, als Mariam endlich ihren Traum von einer eigenen Wohnung wahrmachen will. Eine Wohnung für sich, für ihre Kinder und im besten Fall für ihren neuen Partner.
22:52
Am 13. Juli ist Mariam mit ihrem Bruder Yusuf zur Wohnungsbesichtigung verabredet. Der ist extra aus Bayern angereist. Das heißt, er hat sie am Tag ihres Verschwindens wahrscheinlich noch gesehen. Doch was ist an diesem 13. Juli geschehen? Wie genau lief die Besichtigung ab? Die Ermittler fahren nach Donauwörth, wo Yusuf wohnt, um ihn genau das zu fragen.
23:14
Ja, und dort, wo Josefa wohnt, entdecken Sie Erstaunliches. Denn der Mann, der sich der Schwester gegenüber ja als großer Moralwächter aufspielte, hat in Bayern eine Beziehung mit einer verheirateten Frau. Und er hat sogar ein Kind mit ihr, das inzwischen zwei Jahre alt ist. Doch Stress mit seiner strenggläubigen Familie in Afghanistan hat er deshalb nicht.
23:41
Das hat mich wirklich wütend gemacht, dass Yusuf H. wirklich Dinge lebt, selbst vorlebt, die er seiner eigenen Schwester niemals erlaubt hätte. Die eigene Schwester wollte einfach eine Beziehung, letztendlich eine Ehe mit einem ungebundenen Mann eingehen, war selbst auch ungebunden, während Yusuf H. letztendlich ein Fremdgänger war, eine Beziehung mit einer verheirateten Frau führte.
24:13
Ja, Wasserpredigen, Wein trinken, das kennen wir hier schon aus dem Mittelalter. Aber natürlich ist das für die Mordermittler aus Berlin mehr als nur eine interessante Randnotiz. Zumal die Frau, mit der Yusuf H. diese Beziehung führte, für den Fall nochmal sehr interessant wird.
24:30
Als aber die Ermittler bei Josef H. in Bayern erst mal auftauchten, da ist der sehr aufgewühlt. Er weint, ist anscheinend verzweifelt wegen des Verschwindens seiner Schwester. Er räumt zwar ein, dass es öfter Stress gab, weil Mariam bei seinen Kontrollanrufen manchmal über Stunden nicht erreichbar gewesen war und auch nicht zu Hause war. Mit ihrem Verschwinden aber, erklärt er, habe er nichts zu tun.
24:55
Und dann erzählt er, wie der Tag der Wohnungsbesichtigung abgelaufen sein soll aus seiner Sicht. Denn seine Schwester und er hätten sich am Vormittag des 13. Juli in Berlin getroffen.
25:06
Und da sagte er, ja, er war anscheinend der Letzte, der sie gesehen hätte. Man sei verabredet gewesen, um diese Wohnungsbesichtigung vorzunehmen. Und dann hätte Mariam H. aber auf einmal einen Anruf erhalten. Er wisse nicht von wem. Und hätte ihm dann gesagt, ganz hektisch, dass sie jetzt weg müsste, weil sie eine Verabredung hätte. Und er wisse aber nicht, wohin sie dann gegangen sei. Und seitdem hätte er sie auch nicht mehr gesehen.
25:35
Da ist jemand, der jeden Schritt der Schwester überwacht, der extra aus Bayern nach Berlin kommt, um sich mit ihr eine Wohnung anzusehen, die er angeblich für sie besorgt hätte. Und dann lässt er sie einfach so gehen, ohne Erklärung, vor dem eigentlichen Besichtigungstermin.
25:51
Ja, das klingt auch für die Mordermittler natürlich wenig glaubwürdig. Aber Jusuf H. beteuert immer wieder, genau so war es. Und dann sei er einfach mit dem Zug zurück nach Hause gefahren, nach Donauwörth in Bayern. Immerhin, so eine Aussage lässt sich ja überprüfen, zum Beispiel durch die Standortdaten seines Smartphones.
26:11
Doch bei der Überprüfung dieser digitalen Spuren, da stoßen die Ermittler auf Merkwürdigkeiten.
26:26
Inzwischen haben wir den 28. Juli 2021. Mariam ist seit mehr als zwei Wochen verschwunden. Bei der Auswertung der Handys der Brüder entdecken die Ermittler jetzt etwas Ungewöhnliches. Auf beiden Smartphones sind für einen Zeitraum von mehreren Wochen sämtliche Anruflisten und Chatverläufe gelöscht worden. Was den Polizisten aber noch verdächtiger vorkommt, sind die Standortdaten dieser Handys.
26:53
Bei diesen Ermittlungen war auffällig, dass am Tag des Verschwindens die Handys beider Brüder und somit wahrscheinlich auch die Brüder selbst sich von Berlin nach Donauwörth begeben haben. Und dass dann der jüngere Bruder, also der Bruder, der in Berlin lebte, sich nur wenige Stunden später am Folgetag von Donauwörth in Bayern wieder zurück nach Berlin begeben hat.
27:20
Und so eine kurze Reise mit einem kurzen mehrstündigen Aufenthalt bloß, der kam den Ermittlern natürlich sofort auffällig vor.
27:29
Das ist schon seltsam. Warum ist Madi H., also der jüngere Bruder, ausgerechnet an dem Tag, an dem seine Schwester spurlos verschwindet, zusammen mit dem älteren Bruder diesen weiten Weg nach Bayern gefahren und dann gleich am nächsten Morgen wieder zurück nach Berlin?
27:45
Zumal er von dieser Reise überhaupt nichts erzählt hat in den Befragungen davor. Die Standortdaten der Handys zeigen für den 13. Juli unter anderem den Bahnhof Südkreuz an. Die Ermittler prüfen jetzt, mit welchem Zug könnten die Brüder an diesem Dienstag nach Donauwörth gefahren sein. Und dann werten sie die Bilder der Kameras am Bahnhof aus.
28:06
Ja, und was sie dann auf den Überwachungsvideos vom Bahnhof Südkreuz entdecken, das lässt die beiden Brüder kurz darauf zu den Hauptverdächtigen in diesem Fall werden.
28:22
Am 13. Juli 2021 um 16.34 Uhr treffen Yusuf und Mahdi H. am Bahnhof Südkreuz ein, offenbar mit einem Taxi. Wie man es jetzt auf YouTube oder Spotify zusieht, kann ein Video sehen, das die Ermittler sichergestellt haben. Die beiden Brüder schleppen einen großen schwarzen Rollkoffer mit merkwürdigen Ausbeutungen. Ein Koffer, bei dem offenbar wegen des großen Gewichts eine Rolle gebrochen ist.
28:49
Aber was ist das für ein Reisekoffer? In der Vernehmung darauf angesprochen, verwickeln sich die beiden sofort in Widersprüche.
28:57
Der Berliner Bruder hatte gesagt, sie hätten Gewichte in diesem Koffer transportiert, deswegen sei der so schwer gewesen. Und weil da ein Rad gebrochen sei, hätte man ihn tragen müssen. Und Yusuf H. wiederum sagte, man hätte Glas in diesem Koffer transportiert, hätte deswegen vorsichtig sein müssen, hätte ihn deswegen so getragen, wie er getragen wurde.
29:24
Dann sieht man auf dem Video, wie der ICE 801 nach München einfährt. Die beiden Männer hieven ihren Koffer in den Zug, steigen ein, die Türen schließen sich und der ICE fährt ab.
29:38
Als die Ermittler der dritten Mordkommission diese Szene auf dem Video entdecken, ist für sie klar, das ist der Durchbruch in diesem Fall.
29:47
Diese Bilder, wenn man die gesehen hat und vor allem gesehen hat, wie beide Brüder volle Kraft aufwenden mussten um diesen Koffer, der wirklich sehr atypisch durchgedrückt war, um den zu tragen, dann war einem klar, wir sind voll auf der richtigen Spur. Also in diesem Moment war allen Ermittlungspersonen klar, in diesem Koffer befand sich Mariam H.
30:15
Ein großer Koffer mit einer Leiche im vollbesetzten ICE und das über Stunden hinweg, das ist eine Vorstellung, da kann einem schon etwas flau immer sein.
30:24
Ja, aber es ist ja erstmal nur eine Vermutung der Ermittler, da ist noch gar nichts bewiesen. Mariam H. ist erstmal, das steht fest, weiter verschwunden.
30:34
Der Koffer aber auch.
30:36
Immerhin das Video und vor allem das, was darauf zu sehen ist, das reicht jetzt, um die beiden Brüder festzunehmen. Den einen in Berlin, den anderen in Bayern, nahezu gleichzeitig am 3. August. Genau drei Wochen nach dem Verschwinden von Mariam.
30:51
Natürlich werden die beiden Brüder sofort vernommen, aber die bleiben erstmal ganz entspannt. In dem Koffer seien persönliche Gegenstände gewesen, erklärt jetzt Josef H. Und man könne sich das auch alles gern anschauen in seiner Wohnung in Donauwirt.
31:07
In der Tat finden die Ermittler auf dem Schlafzimmerschrank in Donauwirt einen Koffer, der genauso aussieht wie der auf dem Video, jedoch fabrikneu und leer. Und der jüngere Bruder Madi sagt, in so einen Koffer passt doch keine Leiche.
31:23
Aber zumindest diese zweite Aussage, die lässt sich leicht widerlegen. Denn die Ermittler haben sich nach der Auswertung der Videoaufnahmen einen etwa baugleichen Koffer besorgt und einen Versuch gestartet. Eine junge Polizistin, die etwa genauso groß war wie Mariam H., legte sich in diesen Koffer hinein.
31:43
Siehe da, in Embryonalstellung, also ganz zusammengekauert, war das kein Problem.
31:50
Und auch die Geschichte über den neuen Koffer auf dem Schlafzimmerschrank lässt sich aufklären. Er wurde erst zwei Wochen nach dem wahrscheinlichen Transport der Leiche gekauft, und zwar in Ingolstadt. Die Polizei entdeckt den dazu passenden Kaufbeleg. Hatte Yusuf Haar damit gerechnet, dass die Polizei genau nach diesem Koffer fragen könnte und hat ja deshalb einen Ersatz besorgt?
32:11
Sieht so aus. Tja, weitere Indizien auf alle Fälle, die gegen die Brüder sprechen. Doch noch immer ist unklar, was ist überhaupt mit Mariam passiert? Und wenn sie in dem Koffer war, wo ist ihre Leiche?
32:33
Wieder sind es Handydaten, die die Ermittler auf die richtige Spur führen, diesmal vom Telefon der Freundin von Josef H. in Donauwörth. Wir wissen ja schon, eine verheiratete Frau, mit der Marjams Bruder, der knallharte Sittenwächter, ein gemeinsames Kind hat.
32:49
Diese Frau heißt Edina V. Auch sie wird jetzt befragt und natürlich wird auch ihr Handy ausgewertet. So lässt sich dann anhand ihrer Standortdaten ein Bewegungsprofil für den 14. Juli erkennen. Also für den Tag, nachdem Yusuf und Madi H. abends mit ihrem großen Koffer von Berlin nach Bayern gefahren sind.
33:12
Und diese Daten zeigen ganz klar, dass Edina V. an diesem Vormittag zuerst in einem Baumarkt war und dann auf einem früheren Schuttabladeplatz ungefähr 23 Kilometer nordwestlich von Donau wird.
33:24
Ja, das ist schon eine auffällige Kombination. Wenn gerade nach einer Leiche gesucht wird, Edina sagt nun, sie war im Baumarkt, um eine Schaufel für ihren Freund Josef H. zu kaufen. Dann seien die beiden in getrennten Autos zu diesem früheren Schuttabladeplatz gefahren, auf einen Hügel außerhalb des Dorfes Holzkirchen. Dort hätten sie schon öfter Vögel beobachtet.
33:51
Ja, und dann habe Yusuf H. zu ihr gesagt, sie solle hier im Auto auf ihn warten. Er sei dann mit seinem Wagen noch ein Stückchen weitergefahren und in einem Waldstück verschwunden.
34:01
Circa nach einer halben Stunde sei dann Yusuf H. wieder aus diesem abgelegenen Waldstück herausgekommen, hätte geweint.
34:12
Aber gar nicht wirklich gesagt, warum. Mehr so was gesagt wie, er mache sich halt Sorgen um seine Schwester und sie seien dann gemeinsam wieder zurückgefahren.
34:24
Das ist schon eine schräge Geschichte. Kann man dieser Frau das abnehmen, dass sie keine Fragen gestellt hat, dass sie nicht eins und eins da irgendwie zusammengezählt hat, die verschwundene Schwester, der schwere Koffer, die Schaufel, das Waldstück?
34:42
Edina V. sagt der Polizei, sie habe sich bei all dem nichts gedacht. Und außerdem war es komplett außerhalb ihrer Vorstellungskraft, dass ihr Freund Yusuf seiner Schwester irgendetwas antun könnte. Er sei ein ruhiger, ein friedlicher Mann, der ihr nie irgendwelche Vorschriften gemacht habe.
35:02
Nach Abschluss der Vernehmung führt Edina V. die Polizisten dann zu dem Ort, den sie beschrieben hatte. Und dort finden die Ermittler am 5. August, zwei Tage nach der Festnahme der beiden Brüder, die Leiche von Mariam H. Sie ist etwa 50 Zentimeter tief in der Erde verscharrt, in Embryonalstellung und mit gefalteten Armen vor der Brust.
35:28
Was auffällig war, ist, dass sie über ihrem Kopf eine Plastiktüte gezogen bekommen hatte und diese Plastiktüte war mehrfach mit Klebeband umwickelt, um ihren Hals festgemacht.
35:43
Außerdem befand sich so Panzertape, mit dem sowohl Füße als auch Hände gefesselt waren. Und da das Ganze ja nun schon, also die Auffindung der Leiche mehr als zwei Wochen nach der eigentlichen Tat erst stattfand, war natürlich auch schon eine gewisse Fäulnis am Leichnam festzustellen.
36:08
Nun also herrscht Gewissheit. Mariam H., die zweifache Mutter aus dem Flüchtlingswohnheim in Berlin-Hohenschönhausen, ist tot. Die 34-Jährige, die von einem selbstbestimmten Leben geträumt hatte, ist erdrosselt oder erstickt worden. So genau lässt sich das nach der Obduktion nicht mehr feststellen. Außerdem wurde ihr ein tiefer Halsschnitt zugefügt.
36:31
Der Fund der Leiche in Bayern ist das entscheidende Teil in diesem Mosaik aus Indizien, das die Ermittlungsgruppe der dritten Berliner Mordkommission bislang zusammengetragen hat, auch für die Staatsanwältin Antonia Ernst.
36:46
Dass ich gar keine Zweifel mehr daran hatte, dass Yusuf und Mahdi H gemeinsam ihre Schwester umgebracht haben, war eigentlich erst, als wir den Leichnam gefunden haben. Es gab vorher viele Verdachtsmomente gegen die Brüder, aber überhaupt nichts Greifbares. Und natürlich schwingt immer ein bisschen im Hinterkopf mit, oh Gott, verrennen wir uns da jetzt in eine völlig falsche Richtung.
37:12
Für die Ermittler ist jetzt klar, wer die Täter sind, aber lässt sich das gerichtsfest nachweisen? Es gibt auch nach dem Leichenfund noch eine Reihe offener Fragen. Wie genau lief die Tat ab? Wo war der Tatort? Und haben die beiden Brüder die Tötung ihrer Schwester gemeinsam geplant und auch gemeinsam umgesetzt?
37:32
Dazu kommt, es gibt für einen Tötungsdelikt erstaunlich wenig konkrete Spuren. Also zum Beispiel Fingerabdrücke an der Leiche oder ähnliches. Das heißt, der oder die Täter müssen Handschuhe getragen haben. Aber immerhin eine DNA-Spur findet die Spurensicherung. Und zwar an dem Panzertipp, an dem Klebeband also, mit dem Mariam H. gefesselt wurde. Und diese Spur wird im Prozess noch eine wichtige Rolle spielen.
38:11
Am 2. März 2022 beginnt am Landgericht Berlin der Prozess gegen Yusuf und Mahdi H. Ihnen wird gemeinschaftlicher Mord aus niedrigen Beweggründen vorgeworfen. Die Brüder schweigen dazu. Für Staatsanwältin Antonia Ernst ist das noch heute eine sehr besondere Gerichtsverhandlung.
38:28
Für mich war im Ermittlungsverfahren schon klar, dass das einer der bedeutendsten Fälle meiner Karriere werden würde.
38:37
Allein schon, weil durch diese ganze Ermittlungsarbeit und die Beweise, die wir gesammelt haben, das Ganze von einem bloßen Vermisstenfall auf einmal zu einem wirklich großen Mordverfahren geworden war. Und natürlich auch, weil dieses Motiv, dieses wir töten unsere eigene Schwester, Weil wir der Meinung sind, sie bringt Schande über die Familie mit ihrer Lebensweise.
39:08
Ein Motiv war, was ich so gar nicht nachvollziehen konnte, was ich wirklich auch verachtet habe in dem Moment, weil ich ganz anders aufgewachsen bin und ganz andere Wertvorstellungen habe. Da war mir klar, dass das einfach auch sehr emotional werden würde.
39:26
In der Anklage heißt es dann, das Motiv für diesen Mord ist die Tilgung einer vermeintlichen Schande und damit die Wiederherstellung der Ehre der Familie. Die Staatsanwaltschaft veröffentlicht eine Pressemitteilung, in der von einem sogenannten Ehrenmord die Rede ist und die Medien springen sofort darauf an.
39:47
Klar, und nicht nur die Medien, in denen teilgelang und immer wieder über diesen Fall berichtet wird. Auch in der Politik wird heftig diskutiert. Allerdings weniger über die Tat selbst, eher um den Begriff Ehrenmord.
40:00
Da gab es eine riesige Diskussion. Eine riesige Diskussion darüber, dass an einem Mord nichts Ehrenhaftes sei, dass man das nicht Ehrenmord nennen sollte und dass man es viel mehr benennen sollte, was es ist, nämlich ein Femizid. Ich habe immer gesagt, dieser Begriff Ehrenmord spielt für mich keine Rolle. Ehre gibt es so im Zusammenhang mit Tötungsdelikten im Strafgesetzbuch nicht.
40:29
Das spielt keine Rolle, sondern für mich, das habe ich immer gesagt, war es ein Mord aus niedrigen Beweggründen an einer Frau durch ihre Brüder.
40:40
Ja, natürlich geht es in der öffentlichen Debatte dann auch um Fragen wie Migration und Integration.
40:46
Denn sowohl die Angeklagten als auch das Opfer waren ja als Flüchtlinge aus Afghanistan nach Deutschland gekommen. Das Asylgesuch der Brüder war zwar abgelehnt worden, trotzdem konnten die beiden die Tat ausführen mitten in Berlin.
41:01
Die insgesamt vier Verteidiger der beiden Brüder wiederum sehen in all den öffentlichen Debatten über Ehrenmord oder Femizid oder Mord der Schande eine Vorverurteilung ihrer Mandanten und zweifeln öffentlich daran, dass dieser Prozess fair ablaufen würde.
41:17
Also insgesamt eine schwierige Ausgangslage für die Staatsanwältin Antonia Ernst in diesem Prozess. Nicht nur wegen der aufgewühlten Öffentlichkeit. Das Entscheidende war auch, es gab keine handfesten Beweise in dem Fall.
41:33
Und so beginnt acht Monate nach dem Fund der Leiche von Mariam H. vor der 22. Großen Strafkammer am Landgericht eine Hauptverhandlung ohne direkte Tatzeugen, ohne Tatwaffe und ohne Tatort.
41:47
Sonst, wenn man einen Tatort hat, von dem lässt sich sehr oft aufgrund von Tatortspuren, Blutspritzern oder Ähnlichem auf den Ablauf der Tat schließen. Und natürlich, wenn man dann Spuren an der Tatwaffe oder am Leichnam selber hat, können die auch sehr aussagekräftig sein, wenn wir Fingerabdrücke haben oder wenn wir DNA haben.
42:13
Und wir hatten eine ganz kleine Spur an dem Panzertape am Leichnam, die war sehr, sehr wichtig. Aber das war es auch alles, was wir an Spurenmaterial hatten. Und das ist für ein Mordverfahren eher ungewöhnlich.
42:28
Das Gericht muss nun Stück für Stück alle Indizien bewerten, die von der dritten Mordkommission in echter Kleinarbeit zusammengetragen wurden. 36 Verhandlungstage setzt die Schwurgerichtskammer zu Beginn an, am Ende werden es 42. Tutzende Zeugen und Gutachter werden gehört, darunter eine Islamwissenschaftlerin, die über den Ehrbegriff in Afghanistan referiert. Das ist und war alles sehr spannend, wird aber den Rahmen unserer Podcast-Folge heute speichern.
42:54
In der Tat, aber eins wollen wir uns dann doch nochmal genauer anschauen. Und zwar ist es die Rekonstruktion des Tattages, also dieses 13. Julis. Das ist ein Tag, an dem Mariam H. ja voller Vorfreude und ganz aufgeregt ihr Wohnheim in Hohenschönhausen verlässt, weil sich endlich der Traum von der eigenen Wohnung erfüllen soll.
43:23
An diesem Tag, an diesem Dienstag, trifft sich Mariam H. gegen 10 Uhr vormittags mit ihrem Bruder Yusuf und zwar am S-Bahnhof Landsberger Allee, der für beide günstig zu erreichen ist. Wir haben ja schon erwähnt, dass der Bruder einen Besichtigungstermin für eine Vierzimmerwohnung in Neukölln besorgt hatte. Zumindest hat er das so der Schwester erzählt.
43:43
Zunächst aber fahren die beiden nicht nach Neukölln, sondern es geht nach Mitte, mit der Straßenbahn zum Alexanderplatz. Dort kauft Josef H. einen großen schwarzen Rollkoffer. Eben den Koffer, den sein Bruder und er auf diesem Überwachungsvideo vom Bahnhof Südkreuz am Nachmittag des selben Tages zum Zug nach Bayern schleppen werden.
44:08
Kein sehr teurer Koffer, die 60 Euro werden in Bar bezahlt. Die Verkäuferin kann sich später an den Mann und die Frau erinnern. Und im Kassensystem finden die Ermittler dann auch den genauen Kaufzeitpunkt. Es war exakt 11.01 Uhr.
44:23
Mariam H. ist also nichtsahnend dabei, als ihr Bruder den Koffer kauft, mit dem er später ihre Leiche transportieren will.
44:32
Ja, unfassbar, oder?
44:35
In der Tat. Wahrscheinlich hat Yusuf Ha. seine Schwester dieselbe Geschichte erzählt, die er später auch der Polizei dann aufgetischt hat. Nämlich, dass er diesen großen Koffer gebraucht habe, um ein paar Sachen von sich von Berlin nach Donauwörth zu bringen.
44:51
Nach dem Kauf des Koffers fahren die beiden Geschwister dann mit der U-Bahn nach Neukölln. Eine Fahrt von etwa 20 Minuten. Dort in Neukölln, in der Reuterstraße, wohnt der jüngere Bruder Mardi H. In einer Art Hostel, in einer Art Gästehaus, wo kurzfristig Touristen unterkommen, in dem aber auch Flüchtlinge wie er längerfristig wohnen.
45:12
Seit September 2020 hat Madi H. dort ein Zimmer in einer Vierzimmerwohnung. Die anderen Bewohner sind an diesem Dienstagmittag nicht zu Hause. Das weiß Madi H. wohl auch.
45:24
Der Ablauf des Tattages ist eine Rekonstruktion, die vom Gericht erstellt wird, weil beide Angeklagte bislang schweigen. Deshalb lässt sich nicht genau ermitteln, was Jusuf H. seiner Schwester gesagt hat, als die beiden vor dem Wohnhaus in Neukölln ankommen. Vermutlich hat er sie weiter in dem Glauben gelassen, dass man jetzt die neue Wohnung besichtigen will.
45:44
Das ist deshalb sehr wahrscheinlich, weil Mariam H. noch nie bei ihrem Bruder Madi in Neukölln zu Besuch war. Sie kennt dieses Haus einfach nicht, wo er wohnt, vor dem sie nun steht. Vermutlich schöpft sie deshalb auch keinen Verdacht. Wir aber wissen, Yusuf H. wollte seiner Schwester niemals bei der Wohnungssuche helfen. Dieses Haus ist eine Falle.
46:09
Als Mariam und Yusuf Haar die Wohnung betreten, in der Mahdi lebt, wartet der schon in einem der Zimmer. Kurz darauf überwältigen die beiden ihre ältere Schwester und fesseln ihre Hände mit einem sehr starken Klebeband, einem Panzertape. Auch Mund und Nase werden so fest umwickelt, dass Mariam keine Luft mehr bekommt. Die Folge, sie erstickt.
46:30
Doch damit nicht genug. Gleichzeitig tritt einer der Brüder von hinten an sie heran und erdrosselt seine Schwester mit einem schwarzen Tuch. Beide Varianten, das Ersticken und das Erdrosseln, hätten jede für sich ausgereicht, Mariam H. zu töten.
46:46
Ja, und dann, während sie im Sterben liegt oder vielleicht auch direkt nach ihrem Tod, greift einer der Täter zum Messer. Das Ergebnis ein 16 Zentimeter langer Schnitt quer durch den Hals, beinahe von Ohr zu Ohr.
47:00
Der Schnitt ist so tief, dass er bis auf den Halswirbel durchdringt. Ein Kehlschnitt, der vermutlich auch einen rituellen Hintergrund hat, so die Einschätzung vor Gericht. Durch das Vergießen des Opferblutes sollte die befleckte Ehre der Familie wiederhergestellt werden.
47:16
All diese Details und Fakten trägt die Schwurgerichtskammer jetzt in der Hauptverhandlung zusammen, um ein möglichst genaues Bild vom Tatablauf zu haben. Wie gesagt, ob das alles wirklich genau so ablief, das wissen nur die Täter, aber die schweigen ja. Die Beweisaufnahme dauert etwa ein halbes Jahr. Dann aber meldet sich Yusuf Haar plötzlich überraschend zu Wort.
47:42
Das heißt, es sind seine Verteidiger, die sprechen. Sie verlesen eine Erklärung und darin gesteht Yusuf Haar, ja, er sei zu einem heftigen Streit mit seiner Schwester gekommen, bei dem es um die Unterstützung der Eltern in Afghanistan ging.
47:56
Es gab dann Handgreiflichkeiten, er habe die Schwester in den Schwitzkasten genommen und dann sei sie plötzlich tot gewesen. Ein Unfall.
48:05
Als man aus Versehen sie getötet habe, habe man Panik bekommen. Und dann hätte Yusuf H. versucht, ihren Kopf abzuschneiden, um sie in diesen Koffer reinzubringen.
48:20
Abschneideprozess an sich nur dem Transport des Leichnams dienen würde. Und das macht ja schon überhaupt keinen Sinn, wenn man auf die gefesselten Hände und die gefesselten Füße guckt. Also warum sollte ich eine Leiche an Händen und Füßen fesseln, um sie zu transportieren? Und wenn das Ganze ein Unfall gewesen war, hätte es auch keinen Grund gegeben, ihr vorher Hände und Füße zu fesseln.
48:47
Diese Art von Teilgeständnis kann man wirklich schwer nachvollziehen bei den Auffindefakten. Außerdem behauptet Josef H. in der Erklärung noch, das wäre ihm alles allein passiert. Sein jüngerer Bruder Mardi sei während dieses ganzen Streits nicht im Zimmer gewesen, er sei rauchen gewesen.
49:06
Offenbar will er seinen Bruder schützen.
49:08
Ja, genau. Und dementsprechend verlangt die Verteidigung für den jüngeren Bruder auch einen Freispruch. Und für Yusuf Haar maximal fünf Jahre Haft wegen Körperverletzung mit Todesfolge. Denn alles war ja, wie gesagt, keine Absicht. Es war, so betont die Verteidigung immer wieder, es war ein Unfall.
49:26
Das Gericht glaubt dieser Version nicht. Es gibt einfach zu viele Ungereimtheiten und dann ist da ja noch die schon erwähnte DNA-Spor. Und die, jetzt kommt es, stammt von Madi H., also dem Bruder, der ja angeblich nicht im Zimmer war, der nur rauchte und nichts damit zu tun hatte.
49:48
Ja, klar ist, diese Spur kann nicht entstehen, wenn der Bruder bei der Tat gar nicht im Zimmer war. Das Gericht ist überzeugt, beide Männer trugen die ganze Zeit Einweghandschuhe, um Spuren zu vermeiden. Das wurden ja auch keine gefunden. Doch als Mardi H. seine Schwester mit Panzertape fesselte, ist ein Stückchen Fingerkuppe seines Handschuhs abgerissen und zwischen zwei Lagen Panzertape stecken geblieben, quasi festgeklebt. Und genau an diesem Mini-Rest-Handschuh konnte seine DNA gesichert werden.
50:20
Das heißt, diese Spur kann nicht nachträglich an die Leiche gekommen sein. Madi H. muss direkt bei der Tat beim Fesseln dabei gewesen sein. Danach wurden Kopf und Hals der Leiche mit einem Plastikmüllsack und weiteren Panzerteep so verpackt, dass kein weiteres Blut austreten konnte. Dann kam die Leiche in den Koffer. Und auch danach gingen die Angeklagten ziemlich überlegt vor, überhaupt nicht panisch, wie man es bei einer nicht geplanten Tat zumindest vermuten könnte.
50:56
Nein, sie versuchen alles zu vermeiden, was man später leicht zurückverfolgen könnte. Sie lassen den Koffer zum Beispiel erstmal in der Wohnung und fahren mit der S-Bahn zum Bahnhof Südkreuz. Dort kaufen sie Zugtickets für den ICE nach Bayern natürlich mit... Bargeld, klar. Dann steigen sie auf dem Bahnhofvorplatz in ein Taxi und lassen sich zurück nach Neukölln fahren, holen den Koffer aus der Wohnung und fahren mit demselben Taxi wieder zum Bahnhof, wo sie um 16.34 Uhr die Bahnhofshalle betreten und dann 17.52 Uhr Richtung München starten.
51:30
Also das sieht alles sehr durchdacht und abgesprochen aus. Das Gericht geht deshalb weiter von einem gemeinschaftlichen Mord aus und davon, dass die Brüder die Tat wirklich geplant hatten. Dafür spricht auch eine Aussage der Kinder von Mariam H.
51:57
Zur Tatzeit im Juli 2021 waren die Tochter 9 und der Sohn 13 Jahre alt. Beide Kinder treten im Prozess als Nebenkläger auf. Unter anderem vertreten von Roland Weber, dem Opferbeauftragten des Landes Berlin. Die Aussagen der Kinder werden als Video im Gerichtssaal abgespielt. Beide erzählen übereinstimmend, wie gewalttätig die beiden Brüder, also die Onkel der Kinder, das Leben der Familie kontrolliert und zur Hölle gemacht haben.
52:26
Staatsanwältin Antonia Ernst konnte durch die Zeugenvernehmung per Video beiden Kindern einen Auftritt und vor allem auch eine Aussage direkt im Gerichtssaal ersparen. Noch dazu in Anwesenheit der mutmaßlichen Mörder ihrer Mutter. Bei der Befragung erzählen die Kinder von einem Tag, den sie als merkwürdig in Erinnerung haben.
52:48
Die Kinder schilderten, dass wenige Wochen vor der Tat die Brüder zu Besuch wieder gewesen seien an einem Wochenende und quasi ein Spiel veranstaltet hätten, in dem sowohl Mariam H. als auch die beiden Kinder gewogen wurden durch die Brüder und auch abgemessen wurden durch die Brüder.
53:17
Und die Kinder selbst, also vor allem der Sohn, äußerten dann im Rahmen der Vernehmung, dass sie inzwischen dieses Spiel natürlich völlig anders einordnen und sich denken, dass das zur Vorbereitung der Tat diente bzw. zu der Frage, wie können wir den Leichnam wegtransportieren.
53:40
Und der Sohn selbst sagte auch, dass er sogar Bedenken hat, ob sie nicht als nächstes hätten getötet werden sollen von den beiden Brüdern.
53:49
Was für ein perfides Spiel, oder? Und das im Beisein und mit den Kindern. Nach diesem Test wissen die Brüder, wie tragfähig und groß der Koffer sein muss, den sie zum Transport der Leiche kaufen müssen. Im Smartphone von Yusuf H. finden die Ermittler später auch eine entsprechende Google-Suche. Koffer, 70 Kilogramm, Berlin. Die Eingabe stammt vom 10. Juli, also drei Tage vor der Tat.
54:14
Das heißt, zu dem Zeitpunkt gibt es offenbar schon einen festen Mordplan. Aber warum gerade zu dieser Zeit? Was ist das Motiv? Kann das Gericht zweifelsfrei feststellen, dass Mariam H. tatsächlich sterben musste, weil sie den Moralvorstellungen ihrer Familie nicht entsprach?
54:37
Musik
54:42
Wir gehen noch einmal zurück in den Sommer 2021. Wir haben ja bereits erzählt, dass Mariam H. von ihren beiden Brüdern permanent kontrolliert wird. Nur zum Geldverdienen, zum Schwarzputzen bei anderen Leuten, da darf sie die Unterkunft verlassen.
54:58
Noch mal zur Erinnerung, die beiden tauchen ja dauernd als Aufpasser unangemeldet bei ihr auf, rufen dauernd an, um zu fragen, wo sie ist und mit wem sie unterwegs ist. Am Wochenende quartieren sie sich sogar bei ihr ein, lassen sich bedienen und schlagen dabei Mariam H. und ihre beiden Kinder auch.
55:16
Und dennoch, auch das haben wir bereits erzählt, ist es ihr gelungen, eine Beziehung zu führen, eine geheime Beziehung, eine neue Liebe, von der die Brüder nichts wissen dürfen.
55:26
Frau K., ihr deutsch-iranischer Freund und sie treffen sich heimlich oft in der Wohnung von Freunden.
55:32
Und dann Anfang Juli 2021 will Mariam H. endlich raus aus dieser Heimlichtuerei. Wie schon bei der Scheidung von ihrem gewalttätigen Ehemann will sie endlich selbst über ihr Leben bestimmen.
55:46
Durch die Kinder von Mariam H. haben wir erfahren, dass die Mutter ihnen wenige Tage vor ihrem Verschwinden erzählt hatte, dass sie Faruka heiraten.
56:00
wollen wird und dass dies auch geschehen wird und dass sie dies auch ihren Brüdern jetzt sagen will, dass sie das Ganze offiziell machen will. Ob es dieses Gespräch mit den Brüdern wirklich gab, können wir nicht mit Sicherheit sagen, weil die Brüder sich dazu nicht eingelassen haben. Es spricht aber vieles dafür, dass das vielleicht dann auch noch das Zünglein an der Waage war, was die Brüder dazu veranlasste, jetzt dann tätig zu werden.
56:30
Ja, und das, obwohl sie eigentlich heiraten wollte, kein Doppelleben mehr, kein Hintergehen, keine Heimlichkeit, eine Hochzeit, ganz offiziell, so wie es ihren Moralvorstellungen und ihren Vorstellungen von Anstand entsprach.
56:43
Tja, aber die waren eben auch sehr traditionell. So hat Staatsanwältin Antonia Ernst das auch von Mariam H.'s Freundinnen geschildert bekommen.
56:53
Das Schockierende eigentlich auch mit an dem Fall war, dass Mariam H., gar nicht so weit entfernt von den Traditionen ihrer Familie leben wollte, wie das vielleicht manche dachten. Mariam H. war durchaus bereit, das Kopftuch zu tragen. Für Mariam H. wäre es nach Aussagen ihrer Freunde undenkbar gewesen, eine offene, nicht-eheliche Beziehung zu einem Mann wirklich auf längere Zeit zu führen.
57:26
Sie hat sich an alle möglichen Regeln gehalten. Letztendlich das, wovon sie träumte, was so als offener westlicher Lebensstil von ihrer Familie und auch ihren Brüdern so ein bisschen verteufelt wurde, war eine eigene Wohnung. War vielleicht, wenn sich die Möglichkeit ergibt, irgendwann mal den Führerschein zu machen und als Geschäftsfrau ein Restaurant zu führen.
57:53
Das zeigt noch einmal, wie ich finde, dass es Mariam H. überhaupt nicht darum ging, sich komplett von ihren Traditionen aus Afghanistan loszusagen. Sie wollte einfach nur ein kleines bisschen Freiheit für sich, die Freiheit, einige Dinge selbst entscheiden zu können. Und schon allein das war offenbar den Brüdern zu viel und der Familie, die immer stärker forderte, dass die Brüder endlich etwas unternehmen müssten.
58:22
Und wie reagiert Pharao K.? Wie reagiert der geheim gehaltene Freund auf die Heiratswünsche von Mariam? Er sagt Ja zur Hochzeit, macht sich aber gleichzeitig große Sorgen. Er hat die Schläge und die Drohungen der Brüder noch in Erinnerung, nachdem sie ihn bei Mariam in der Wohnung erwischt hatten. Und er weiß auch, die Brüder werden die Heirat nie akzeptieren.
58:44
Nee, denn für sie gehört Mariam H. ja immer noch zu dem Mann, mit dem sie als 16-Jährige in Afghanistan zwangsverheiratet worden ist. Es ist keine Scheidung nach islamischem Recht, so die Anschauung der Brüder. Die Scheidung nach deutschem Recht zählt für die gesamte Familie einfach nicht.
59:04
Das heißt, Farouk K. ist sehr beunruhigt. Mariam H. dagegen nahezu euphorisch und kämpferisch. Ich darf heiraten, wen ich will, soll sie ihrem Liebsten auf seine Sorgen hin geantwortet haben. Eine tödliche Fehleinschätzung.
59:17
Ich glaube, Mariam H. wollte bis zum Ende nicht glauben, dass ihre eigenen Brüder zu sowas fähig wären.
59:28
Und ja, diese Hilflosigkeit oder diese Hoffnung, manche mögen es Naivität nennen, die hat vielleicht auch dazu geführt, dass Schutz, den sie hätte bekommen können durch Organisation, durch den deutschen Staat letztendlich auch, dass sie den nicht beansprucht hat und dann natürlich auch nicht bekommen hat.
59:55
Wir haben es schon gehört, ob und wann Mariam H. ihre Brüder in die Heiratspläne eingeweiht hat, lässt sich nicht rekonstruieren. Fest steht aber, nur einen Tag nachdem sie ihren Kindern angekündigt hatte, es den Brüdern zu erzählen, meldet sich Jusuf Faber ihr mit dem angeblichen Wohnungsbesichtigungstermin in Neukölln.
60:15
Da liegt die Vermutung nahe, dass genau diese Ankündigung doch passiert ist, nämlich Pharao K. zu heiraten und das für die Brüder einfach zu viel war. Ab diesem Moment, so sieht es das Gericht, planen sie die Ermordung von Mariam H.
60:38
Am 16. Februar 2023, nach insgesamt 42 Verhandlungstagen und einem knappen Jahr Prozessdauer, fällt das Urteil. Wegen gemeinschaftlichen Mordes aus niedrigen Beweggründen werden Yusuf Haar und Mahdi Haar jeweils zu lebenslanger Haft verurteilt.
60:55
In der Urteilsbegründung heißt es, es gehe nicht darum, welche Wertvorstellungen in den archaischen familiären Strukturen der Angeklagten gelten.
61:06
sondern was in Deutschland gelte. Das Menschenrecht, nicht vermeintliche Ehrbegriffe, so der Vorsitzende Richter Thomas Groß. Beide Angeklagten hätten lange genug hier gelebt, heißt es, um die hiesigen Sitten und Gebräuche zu kennen.
61:22
Und weiter sagt Thomas Groß, der für die Verhandlungsführung im Prozess sehr gelobt wurde, Mariam H. sah sich der Gefahr bewusst gewesen, die sie mit ihrem Wunsch nach einer offengelebten und gleichberechtigten Beziehung einging. Aber sie wollte sich nicht unterkriegen lassen. Und dann ergänzt er, die Liebe war stärker. Die Liebe führte in den Tod.
61:45
Das klingt trotzdem auch ein bisschen wie eine Bewunderung für den Mut dieser jungen Frau, trotz aller richterlichen Neutralität, die er natürlich an den Tag legen muss. Eine Bewunderung, die übrigens auch Staatsanwältin Antonia Ernst teilt.
62:00
Mich hat das so bewegt, dass ich gefühlt über die Ermittlungen Mariam H. immer besser kennengelernt habe, ohne ja jemals mit dieser Frau live gesprochen zu haben und gesehen zu haben, dass das eine Frau ist, die im Rahmen ihrer Möglichkeiten so stark war und ich glaube, ein sehr, sehr schönes Leben hätte vor sich haben können. Und dass dann einfach zwei Männer die eigenen Brüder kommen und ihr das nehmen und der Meinung sind, das Recht zu haben, zu bestimmen, dass sie nicht mehr auf dieser Welt sein soll.
62:40
Und das hat mich sehr, sehr wütend einerseits gemacht und auf der anderen Seite aber auch sehr traurig, dass ihr diese Möglichkeit genommen wurde und dass den Kindern die sehr, sehr liebende Mutter genommen wurde. Weil das wurde klar durch das ganze Verfahren, im Ermittlungsverfahren, in der Hauptverhandlung, daran gab es keinen Zweifel, dass Mariam H. eine tolle Mutter war.
63:04
Der größte Wunsch von Mariam H. war es, dass es ihre Kinder einmal besser haben werden als sie. Dass sie in einer Gesellschaft aufwachsen können, in der die Familienehre niemals höher eingestuft wird als das Leben eines Menschen, in der das Vermeiden von Schande niemals wichtiger ist als Freiheit.
63:26
Was ist mit dem Wunsch heute? Was wurde aus den Kindern, die ihre Mutter ebenfalls sehr geliebt und für sie gekämpft haben?
63:34
Heute wohnen sie bei ihrem Vater, Habib Ha. Ja, genau diesem gewalttätigen Mann, den Mariam H. in Afghanistan heiraten musste, als sie 16 war, ausgesucht von ihrer Familie. Und den sie dann in Deutschland verlassen hat, weil er auch hier weiter zuschlug und quälte.
63:50
Wir können nur hoffen, dass die Kinder die Hoffnungen und den Selbstbestimmungswillen ihrer Mutter weiterleben können. Und dass beide, also Sohn und Tochter, einen vernünftigen, einen menschlichen Weg finden zwischen den Traditionen ihrer Vorfahren und den Regeln und den Gesetzen in Deutschland.
64:10
Und vor allem hoffen wir, dass sie einen gewaltfreien Weg finden, einen Weg, auf dem keine Frau und kein Kind mehr Angst haben muss, von gewaltbereiten Vätern, Brüdern oder Ehemännern geschlagen oder bedroht zu werden. Auch für Staatsanwältin Antonia Ernst ist das gewissermaßen das Vermächtnis von Mariam H. und unserem Fall heute.
64:30
Für mich bleibt von dem Fall, dass...
64:34
wir nie wissen können, ob nicht, egal wie fortschrittlich große Teile unserer Gesellschaft leben, doch andere Teile noch viel, viel rückständiger oder letztendlich verankerter in alten Ansichten sind und dass das zu Verhängnissen führen kann, die wir uns vielleicht gar nicht so ausmalen können.
65:03
Für mich bleibt von dem Fall aber auf jeden Fall auch, dass wir nicht müde werden dürfen, schon präventiv, gerade für den Schutz von Frauen, alles zu machen, was uns irgendwie möglich ist, um genau solche Taten zu verhindern. Es gibt immer wieder völlig unabhängig vom Kulturkreis im Übrigen auch Konstellationen, in denen sich Männer herausnehmen, über das Leben der Frau zu entscheiden.
65:35
Und da müssen wir, glaube ich, gegenarbeiten. Und auch vielleicht unabhängig von der strafrechtlichen Komponente, einfach dafür sorgen, dass jeder Mensch völlig frei sein Leben gestalten kann, solange er sich an die Regeln hält und nicht anderen Menschen schädigt. Und das wird, glaube ich, immer ein aktuelles Thema sein.
66:04
Vielen Dank fürs Zuhören heute. Wir sind im Visier Verbrecherjagd in Berlin und Brandenburg. Und wir sind übrigens live zu erleben. Wer mag, kann vorbeikommen am 27. September. Das ist ein Sonntag. Da wird in Berlin aus dem Haus des Rundfunks das Haus auf Podcast.
66:23
18.30 Uhr geht es los im großen Sendesaal mit einer spannenden Folge und einem sehr spannenden Gast, einer Staatsanwältin aus Frankfurt an der Oder. Wir freuen uns riesig, wenn Sie dabei sein könnten. Mehr Infos dazu gibt es in den Shownotes oder Sie googeln einfach House of Podcast 2026. Da finden Sie dann das komplette Programm.
66:43
Natürlich sind auch unsere Kollegen von Crime History mit dabei. Nächsten Samstag gibt es hier bereits Ihre nächste aktuelle Folge und wir sind dann in 14 Tagen wieder da.
66:53
Und jetzt noch ein Podcast-Tipp von uns beiden. Die absurdesten Verbrechen passieren immer noch in der Provinz.
66:58
Genau, das wissen Anna Doshime und Katjana Gerz. Am besten, weil sie nämlich selbst daherkommen. In Cuff Crimes erzählen die beiden jede Woche wahre Geschichten, die so nur auf dem Lande passieren.
67:12
Zum Beispiel wird er jahrelang um zu laute Kuhglocken gestritten. Dann geht es um einen Baum, der den größten Giftmüllskandal Bayerns auslöst. Und ein Dorf, das gemeinsam einen Mord vertuscht. Jeden Donnerstag eine neue Folge, exklusiv in der ARD-Sounds-App.
67:27
Dort finden Sie natürlich auch im Visier und auch als Videoformat auf YouTube und Spotify. Und wenn es Ihnen gefallen hat, dann freuen wir uns wie immer über freundliche Kommentare und eine gute Bewertung.
67:40
Das war's für heute. Danke, dass Sie bei uns waren. Ein Gedanke darf gerade nach dieser Folge heute nicht fehlen. Das Böse ist vor allem die Abwesenheit von Empathie. Also egal, was Sie jetzt noch tun, bitte seien Sie empathisch. Das Leben ist viel zu kurz, um böse zu sein.
68:05
Im Visier. Verbrecherjagd in Berlin und Brandenburg. Ist eine Produktion des rbb. Manuskript Thies Schnack. Redaktion Jörg Simon. Moderation Uwe Madl und Elvira Siebert.
68:20
Im Visier. Verbrecherjagd in Berlin und Brandenburg. Ein Podcast vom rbb.