00:10
Willkommen bei Mordlust, einem Podcast über wahre Verbrechen, produziert von der Partner in Crime in Zusammenarbeit mit Studio Bummens. Mein Name ist Paulina Kraser. In jeder Folge hört ihr hier einen Kriminalfall aus Deutschland. Dabei schauen wir auf juristische, psychologische und gesellschaftliche Aspekte und sprechen mit Menschen mit Expertise, Beteiligten oder Betroffenen. True Crime heißt eben auch, dass hinter jedem Fall echte Menschen und ihre Schicksale stehen. Das solltet ihr beim Hören nicht vergessen. Wir berücksichtigen das aber auch bei unserer Arbeit.
00:41
Und wenn ihr merkt, dass euch bestimmte Themen nicht gut tun, dann passt lieber auf euch auf und skippt die Folge. Und weil wir bei all der Schwere zwischendurch aber auch manchmal etwas Luft brauchen, sind hier kleine Abschweifungen erlaubt. Das ist aber nicht despektierlich gemeint.
00:57
heute widmen wir uns einem mordfall bei dem die entscheidende frage irgendwann nicht mehr nur lautet wer ist der mörder sondern auch was passiert wenn ein gericht keine schuld feststellen kann die öffentlichkeit ihr urteil aber längst gefällt hat Einige Namen haben wir geändert und die passende Trigger-Warnung zur Folge findet ihr wie immer in der Folgenbeschreibung. Über die Bundesstraße, den Berg hinauf, an einer Kneipe vorbei. Dann ist Selma Böhmer endlich zu Hause.
01:28
Es ist Freitagabend, kurz vor Mitternacht am 8. Januar 1993, als hinter einigen Fenstern der Kulmbacher Innenstadt noch Licht brennt. Kulmbach ist Anfang der 90er eine überschaubare Stadt in Oberfranken mit knapp 28.000 Menschen, die hier leben.
01:44
Alte Häuser drängen sich unterhalb der Plassenburg, dazwischen prägen große Brauereien und Melzereien das Stadtbild.
01:51
Der Schein der Straßenlaternen leuchtet Selma, durch deren Pony sich blonde Strähnen ziehen den Weg. Die türkisfarbene Zottelfelljacke, die die 16-Jährige trägt, hat sie gerade erst zu Weihnachten geschenkt bekommen. Eigentlich gefällt ihr die Jacke gar nicht so gut, aber immerhin hält sie sie warm. Selma hatte einen schönen Abend. Erst war sie mit ihren Eltern und ihrer älteren Schwester Essen, danach sind die Geschwister noch weitergezogen, in den Keller, eine Kneipe in der Kulmbacher Altstadt, um dort gemeinsam mit Freundinnen den Abend ausklingen zu lassen.
02:24
Doch je später es wurde, desto mehr sehnte sich Selma nach ihrem Bett.
02:29
Ihre große Schwester hatte noch ihre Cola austrinken und noch nicht heimgehen wollen. Warte doch noch die paar Minuten, hatte ihre Schwester sie gebeten. Nicht, dass ihr noch etwas passiert. Doch Selma hinderte das nicht daran, den Heimweg schon mal anzutreten. Angst, allein zu gehen, hat sie nicht. Weit ist es jetzt nicht mehr nur noch ein paar hundert Meter, als sie auf dem letzten Stück bemerkt, dass jemand hinter ihr läuft. Jemand, der denselben Weg zu haben scheint. Der Abstand zwischen ihnen verringert sich, bis der Mann auf Selmas Höhe ist.
03:02
Als der Mann Selma eingeholt hat, beginnt er ein belangloses Gespräch mit ihr. Eine Weile gehen die beiden nebeneinander her.
03:10
Wenig später zerreißt ein markerschütternder Schrei die nächtliche Stille. So eindringlich, dass eine Anwohnerin aufschreckt und sofort zum Fenster eilt. Doch das Einzige, was die Frau draußen noch erkennen kann, ist eine dunkle Gestalt, die in der Nacht verschwindet. Und mit ihr Antworten auf Fragen, die das beschauliche Kulmbach noch Jahre später beschäftigen werden.
03:33
Die Anwohnerin sitzt gerade vor ihrem Fernseher im Wohnzimmer, während ihr Mann offenbar schon aufgegeben hat, seine müden Augen offen zu halten und weggetreten auf der Couch stößt.
03:44
Doch dann wird das Geräusch des Röhrenfernsehers von einem Streitgespräch unterbrochen und plötzlich von einem schmerzerfüllten Schrei einer jungen Frau abgelöst. Die Anwohnerin läuft ins Bad und zieht das Rollo hoch, um zu erspähen, was da draußen um kurz vor Mitternacht vor sich geht. Doch das Einzige, was sie noch erkennen kann, ist, wie ein Mann schnellen Schrittes davon geht und das auf dem schmalen Fußweg, der zwei Straßen miteinander verbindet, etwas auf dem Boden liegt. Die Frau läuft zurück ins Wohnzimmer, reißt ihren Mann aus dem Schlaf und rennt wenig später gemeinsam mit ihm auf die Verbindungsstraße.
04:20
Dort erkennt sie sofort, was dort liegt. Ein Mädchen. Auf seiner türkisfarbenen Zottelfelljacke sickert massiv Blut. Offenbar hat die junge Frau etliche Verletzungen.
04:31
Die Anwohnerin und ihr Mann sprechen mit ihr, doch das Mädchen antwortet nicht. Nachdem das Ehepaar Hilfe gerufen hat, treffen wenig später Polizei und Notarzt ein. Es ist Selma, die kurz darauf ins Krankenhaus gebracht wird. Doch ihre Verletzungen sind zu schwer. Die 16-Jährige stirbt um 0.45 Uhr an einem Verblutungsschock infolge ihrer inneren und äußeren Blutungen.
04:55
Für Selmas Eltern bricht in dieser Nacht eine Welt zusammen. Nur wenige Stunden zuvor haben sie noch gemeinsam mit ihrer Tochter in einem Restaurant gesessen. Unbeschwert. Ohne zu ahnen, dass es ihr letzter gemeinsamer Abend zu viert sein würde. Danach sind die beiden nach Hause gefahren, während Selma und ihre ältere Schwester den Abend noch gemeinsam verbringen wollten.
05:16
Als sie erfahren hatten, was passiert ist, sind sie sofort zum Tatort geeilt. Nur wenige hundert Meter von ihrem Zuhause entfernt ist ihre Tochter angegriffen worden. Selmas Eltern und ihre Schwester machen sich schwere Vorwürfe. Wieso musste die Schwester unbedingt darauf bestehen, die Cola noch auszutrinken? Wieso hatten die Eltern Selma allein nach Hause gehen lassen? Sonst hatte Ralf die beiden Töchter immer von überall abgeholt. So hätte er es auch dieses Mal gemacht. Dann wäre Selma vermutlich noch am Leben. Es sind Gedanken, die sich nicht mehr abschütteln lassen.
05:50
Nie war der Wunsch, die Zeit zurückdrehen zu können, größer. Zurück zu dem Moment, in dem sie Selma noch hätten aufhalten können.
06:00
An diesem Abend hat Kulmbach eine seiner Bewohnerinnen verloren. Eine Nachricht, die sich in der Kleinstadt schnell herumspricht und für Entsetzen sorgt. An der Stelle, an der Selma gewaltsam aus dem Leben gerissen wurde, steht bald ein kleines Holzkreuz mit ihrem Namen. Menschen legen Blumen und Grablichter nieder und Angehörige und Freundinnen organisieren einen Trauerzug durch die Stadt.
06:21
Eine 16-Jährige, nachts auf dem Heimweg getötet, für die meisten ist das unvorstellbar und kaum zu verarbeiten. Aber mit Selmas Tod hält neben der Trauer noch etwas anderes Einzug in die beschauliche Stadt. Die Angst vor einem unbekannten Täter. Der Mann, den die Anwohnerin noch hat weggehen sehen, ist verschwunden. Niemand weiß, wer er ist und niemand weiß, wo er jetzt steckt.
06:47
Genau das herauszufinden wird nun zur wichtigsten Aufgabe der Kulmbacher Polizei. Dafür wird eine 40-köpfige Sonderkommission eingerichtet. Der Druck ist groß. Nicht einmal zehn Jahre ist es her, da haben vier Tötungsdelikte, die in nur wenigen Monaten aufeinander folgten, Kulmbach und Umgebung in Atem gehalten. Drei der Opfer waren junge Frauen, zwei der männlichen Täter wurden nie gefasst. Und nun ist wieder ein junges Mädchen tot. Wieder fehlt vom Täter jede Spur.
07:17
Entsprechend akribisch sucht die Soko nach allem, was sie zu ihm führen könnte.
07:22
Zu viel steht auf dem Spiel, sollte auch dieser Fall ungeklärt bleiben. Für Familie Böhmer, aber auch für eine Stadt, der die Angst vor einem Täter auf freiem Fuß nur allzu vertraut ist. Wer Selma getötet hat, ist zu diesem Zeitpunkt völlig offen.
07:37
Was ihr in den letzten Minuten ihres Lebens widerfahren ist, lässt sich dagegen schon bald genauer rekonstruieren. Die Obduktion zeichnet das Bild eines äußerst gewaltsamen Angriffs. Mindestens 45 Mal wurde mit einem Messer auf Selma eingestochen.
07:52
Die Stiche treffen unter anderem Brust, Rücken und Bauch und verursachen schwere innere und äußere Verletzungen. Doch die Wunden zeigen nicht nur, mit welcher Brutalität Selma getötet wurde, sie liefern auch erste Hinweise auf die Tatwaffe.
08:07
Etwa 10 cm lang und höchstens 2 cm breit muss die Klinge gewesen sein. Sie war nur auf einer Seite geschliffen und hatte einen scharfkantigen, bis zu 4 mm breiten Rücken. Damit lässt sich zumindest eingrenzen, nach was für ein Messer nun gesucht werden muss.
08:25
Im Umkreis von einem Kilometer um den Tatort findet die Polizei insgesamt zehn Messer. Eines davon zieht besondere Aufmerksamkeit auf sich. Es ist ein Butterfly-Messer, das in einem Gulli liegt. Es könnte zu Selmas Verletzungen passen und vom Täter nach dem Angriff dort zurückgelassen worden sein. Weil das Messer zu dem Zeitpunkt allerdings schon eine Weile dort lag, lassen sich daran keine verwertbaren Spuren mehr sichern. Weder Blut noch Fingerabdrücke oder DNA. In der Nähe des Tatorts wird außerdem Erbrochenes gefunden.
08:56
Darin entdecken die Ermittlungen einen Schuhabdruck. Sie versuchen herauszufinden, wem der Schuh gehört und stoßen auf einen Sanitäter, der in dieser Nacht am Tatort war. Damit scheint zunächst auch geklärt, von wem das Erbrochene stammt. Doch der Sanitäter sagt aus, dass er sich dort nicht übergeben habe. Und auch die übrigen Einsatzkräfte schließen das für sich aus. Wem das Erbrochene tatsächlich zuzuordnen ist, bleibt damit offen.
09:22
Dafür lässt sich der Tatzeitpunkt ziemlich genau eingrenzen. Die Anwohnerin, die Selma gefunden hat, gibt an, ihren Schrei am 8. Januar zwischen 23.50 Uhr und 23.55 Uhr gehört zu haben. Von diesem Zeitpunkt aus arbeiten sich die Ermittelnden nun Stück für Stück zurück. Tatsächlich lässt sich Selmas Heimweg anhand mehrerer ZeugInnen rekonstruieren, die der 16-Jährigen in der Nacht begegnet sind. Einer von ihnen gibt an, er habe sie statt auswärts laufen sehen. Etwa fünf Meter hinter ihr sei ein Mann gegangen.
09:55
Er sei deutlich größer als Selma gewesen, dunkel gekleidet und auffallend langsam gelaufen. Wenig später sehen weitere ZeugInnen die beiden auf demselben Weg. Eine junge Frau sei dem Mann an diesem Abend besonders nahe gekommen. Als sie mit dem Auto an Selma und dem Unbekannten vorbeigefahren sei, sei sie auf der glatten Straße kurz vor ihm ins Rutschen geraten. Für einen Moment habe der Mann nur etwa zwei Meter vor ihr gestanden, direkt im Licht ihrer Scheinwerfer. Die Aussagen der ZeugInnen liefern der Polizei schließlich eine Beschreibung des Unbekannten, mit der sie sich an die Öffentlichkeit wenden.
10:30
Gesucht wird ein Mann, der mindestens 1,80 Meter groß und schlank ist, dunkle oder dunkelblonde Haare hat, die hinten etwas länger als vorne sind und der am Tatabend dunkel gekleidet war.
10:42
Gut zwei Wochen nach Selmers Tod glaubt dann eine Frau, den Gesuchten erkannt zu haben. In der Beschreibung ihres eigenen Nachbarn. Er sei ihr schon länger seltsam vorgekommen. Unter anderem habe sie sich darüber gewundert, dass seine Jalousien morgens oft lange geschlossen blieben.
10:58
In der Tatnacht habe sie außerdem mitbekommen, wie er am 23.22 Uhr von einem Taxi abgeholt wurde. An die Uhrzeit könne sie sich so genau erinnern, weil sie in diesem Moment auf ihren Radiowecker geschaut habe. Als er in das Taxi gestiegen sei, habe er eine dunkle Jacke getragen. Und auch sonst kenne sie ihren Nachbarn vor allem in dunkler Kleidung. Seit dem Tod des Mädchens aber, erzählt sie der Polizei, trage er plötzlich nur noch helle Klamotten.
11:26
Am 25. Januar stehen PolizistInnen vor der Wohnungstür in einem hell verputzten Mehrfamilienhaus. Es öffnet ein Mann mit längeren, ungestylten Haaren, ähnlich der Frisur, wie sie bei dem gesuchten Mann beschrieben wird. Er wirkt verschlafen und riecht nach Alkohol. Walter Drechsler ist 31 Jahre alt, groß und schlank, trägt eine Brille und einen Schnurrbart. Für die Polizei ist er kein völlig Unbekannter. Denn wegen Trunkenheit am Steuer ist Drechsler schon zweimal vorbestraft. Er bittet die PolizistInnen herein, als er hört, dass es um den Mord an Selma Böhmer geht.
12:01
Die BeamtInnen schauen sich in der Wohnung des Junggesellen genauer um und entdecken eine dunkle Jacke in anthrazitfarbenem Jeansstoff mit silbrig glänzenden Nieten und verschiedenen Aufnähern, von der Drechsler ihnen bestätigt, sie in der Tatnacht getragen zu haben. Außerdem finden sie ein Klappmesser und ein Jeanshemd, an dem Blut haftet. Alle drei Sachen sacken sie ein. Und auch Drechsler soll mitkommen auf die Wache. Sie wollen ihm ein paar Fragen stellen. Der 31-Jährige folgt, ohne Widerworte zu geben. Was er vor knapp drei Wochen am 8. Januar gemacht habe, wollen die Ermittelnden wissen, die ihm nun gegenüber sitzen.
12:38
Wie immer sei er arbeiten gewesen, erzählt der Mann, der seinen Lebensunterhalt in einer Melzerei verdient. Danach sei er nach Hause gegangen und abends mit dem Taxi in sein Stammlokal ins Derby gefahren. Auch zurück sei er in der Nacht mit dem Taxi gekommen. Während Drexler von einem ganz normalen Tag berichtet, beginnen die Ermittelnden im Nebenzimmer seine Geschichte zu überprüfen.
12:59
Und schon die erste Angabe stellt sich als falsch heraus. Von seinem Arbeitgeber erfahren sie, dass er am 8. Januar gar nicht in der Melzerei war. Er hatte Urlaub. Darauf angesprochen entgegnet der 31-Jährige, wenn das so sei, dann müsse der 8. Januar der Tag gewesen sein, an dem er sein neues Telefon bekommen und sich deshalb freigenommen habe.
13:21
Die Taxifahrt in die Stadt hingegen lässt sich belegen. Für die Rückfahrt findet sich bei den Kulmbacher Taxiunternehmen aber kein Beleg. Auch damit konfrontieren sie ihn. Dann sei er wohl zu Fuß nach Hause gegangen, meint Walter Drexler daraufhin. Wenn das der Fall gewesen wäre, dann hätte er aber auf dem Weg vom Derby zu seiner Wohnung am Tatort vorbeikommen müssen. Und da wäre er entweder auf die Schwerverletzte Selma gestoßen oder auf die Polizei, die den Bereich schon abgesperrt hatte.
13:50
Aber niemandem ist er dort aufgefallen. Dann müsse ihn wohl sein Freund nach Hause gefahren haben, korrigiert sich Drexler ein weiteres Mal. Innerhalb der Befragung hat Drexler damit gleich mehrere Angaben korrigiert. Für die Ermittlenden scheint es verdächtig, dass Drexler ihnen nicht mit Sicherheit sagen kann, was er am Tattag tagsüber getan hatte und wie er in der Mordnacht nach Hause kam. In Kombination mit dem Funden aus seiner Wohnung sind das für die Polizei genug Ungereimtheiten, um rund einen Monat nach Selmers Tod am 10. Februar 1993 die Handschellen klicken zu lassen.
14:25
Walter Drexler kommt in Untersuchungshaft. Vorsichtshalber in einer Einzelzelle. Ein mutmaßlicher Mädchenmörder könnte unter den anderen Gefangenen schnell zur Zielscheibe werden.
14:38
Ein 16-jähriges Mädchen wurde auf offener Straße ermordet. Seit Wochen fürchtet eine ganze Stadt, der Täter könne mitten unter ihnen leben, ihnen beim Einkaufen nicht zuwinken, vielleicht sogar erneut zuschlagen. Als die KulmbacherInnen wenig später aus der Zeitung erfahren, dass endlich ein Verdächtiger festgenommen wurde, nimmt die Silhouette, die an jenem Abend verschwand, plötzlich Gestalt an.
15:02
In einem kostenlosen Wochenblatt können die Menschen schließlich lesen, wer der Festgenommene ist. Walter Drechsler. Daneben prangt ein Foto des Inhaftierten. Der Unbekannte, nach dem Kulmbach seit Selmers Tod gesucht hat, scheint plötzlich nicht mehr unbekannt zu sein. Er hat einen Namen, er hat ein Gesicht und vor allem sitzt er hinter Gittern. Die Nachricht schlägt in Kulmbach ein wie eine Bombe. Die Sorge, der Täter könnte bald erneut zuschlagen, scheint gebannt.
15:30
Für Ralf und Susi, Selmas Eltern, könnte es unwirklicher kaum sein. Wie alles, was in den vergangenen Wochen passiert ist. Dieser Mann soll es also gewesen sein. Er soll ihn Selma genommen haben. Ein Gedanke, der erstmal seinen Platz finden muss. Und so schwer er auch zu begreifen ist, bringt er doch eines mit sich. Die Hoffnung, dass Selmas Tod nun nicht ungesühnt bleibt.
15:55
Während Drexler in Untersuchungshaft sitzt, wird nun das bei ihm sichergestellte Messer untersucht, ebenso die Kleidung aus Drexlers Wohnung. Vor allem das Blut an seinem Jeanshemd könnte die entscheidende Verbindung zu Selma herstellen, sollte sich nachweisen lassen, dass es von ihr ist. Doch statt den Verdacht gegen Drexler zu erhärten, fallen nach und nach die Spuren weg, die ihn überführen könnten. Das Blut an Drexlers Jeanshemd stammt von ihm selbst. Das Klappmesser aus seiner Wohnung scheidet als Tatwaffe aus. Die Form und Länge passt nicht.
16:26
Außerdem konnten daran keine Blutspuren nachgewiesen werden. Und allein durch die Ungereimtheiten in seinen Angaben dazu, wie er den Tatabend verbracht hat, lässt sich der Tatverdacht nicht stützen.
16:39
Drexler Strafverteidiger Rechtsanwalt Carsten Schiesek legt Haftbeschwerde ein. Mit Erfolg. Im März 1993, nach gerade einmal einem Monat, öffnen sich die Gefängnistüren wieder und Drexler kommt aus der Haft. Und mit seiner Freilassung kehrt auch das Unbehagen nach Kulmbach zurück, hier nun doch nicht mehr sicher zu sein. Für Selmas Eltern bedeutet die Freilassung aber vor allem, dass die Hoffnung, die sie mit Drexlers Festnahme verbunden haben, schon wenige Wochen später wieder erlischt. Dass die Spuren nicht ausreichen, um ihn weiter festzuhalten, ändert allerdings nichts an ihrer Überzeugung.
17:15
Für sie ist Walter Drexler weiterhin der Mann, der ihre Tochter getötet hat. Und dieser Mann soll nun zurück nach Hause dürfen, während Selma nie wieder nach Hause kommen wird?
17:27
Vor allem bei Vater Ralf scheint sich die Hilflosigkeit zunehmend in Wut zu verwandeln.
17:32
Er will nicht einfach hinnehmen, dass Drexler wieder auf freiem Fuß ist. Drexlers Anwalt hat uns erzählt, dass bei seiner Kanzlei damals, die mitten in der Fußgängerzone lag, am helllichten Tag das Schild abgeschraubt wurde. Ihm sei dann gesagt worden, dass Ralf Böhmer es abgeschraubt und mitgenommen habe. Und Schiesek vermutet, dass Böhmer damit ein Statement habe setzen wollen. Wenig später stellt er sich dann mit einem Plakat vor das Haus, in dem Drexler lebt. Darauf steht, hier wohnt der Mörder meiner Tochter. Jeder soll wissen, wen Ralf für ihren Tod verantwortlich macht.
18:05
Doch Drexler ist nicht da. Also zieht Ralf weiter bis vor die Wohnung von Drexlers Mutter.
18:12
Walter Drechsler ist zwar wieder frei, aus dem Fokus der Ermittlungen ist er damit aber nicht verschwunden. Seine Freilassung bedeutet lediglich, dass die bisherigen Indizien nicht ausreichen, um ihn weiter in Untersuchungshaft zu halten. Die Ermittlungen gegen ihn laufen weiter und auch die Untersuchungen der Gegenstände, die die Polizei in seiner Wohnung sichergestellt hat.
18:33
Als die Ermittelnden im Landeskriminalamt derweil den rechten Ärmel von Drexers Jeansjacke untersuchen, die er am Abend von Selmas Tod getragen hat, fällt etwas auf. Eine winzige Faser, die an der Jacke klebt. Gerade einmal 1,9 Millimeter groß. Für sich genommen nichts, was unbedingt verdächtig wirkt. Doch ein genauerer Blick macht den Fund plötzlich hochinteressant. Sie ist türkis. Genau wie Selmas auffällige Zottelfelljacke.
19:02
Am 5. Mai, nur zwei Monate nach seiner Freilassung, umschließen zum zweiten Mal Handschellen Drexlers Handgelenke. Mitten auf dem Gelände der Melzerei führt ihn die Polizei vor den Augen seiner KollegInnen über den Hof, direkt zurück in Untersuchungshaft. Doch so vielversprechend die neue Spur zunächst scheint, noch ist völlig offen, wie belastbar sie tatsächlich ist. Die Untersuchung der Faser läuft weiter. Noch lässt sich nicht sicher sagen, ob sie tatsächlich von Selmas Jacke stammt. Drexas Verteidiger legt erneut Haftbeschwerde ein.
19:36
Das Amtsgericht bleibt jedoch bei seiner Entscheidung und legt die Beschwerde deshalb dem Landgericht vor. Auch dort hat sie keinen Erfolg.
19:43
Erst als der Verteidiger gegen diese Entscheidung weitere Beschwerde einlegt, kommt das Oberlandesgericht Bamberg zu einer anderen Einschätzung. Solange nicht festgestellt ist, dass die Faser tatsächlich von Selmas Jäcke stammt, reicht der Verdacht nicht aus, um Drechsler weiter in Untersuchungshaft zu halten.
20:00
Am 3. Juni wird der Haftbefehl aufgehoben. Nach nicht einmal einem Monat kommt Walter Drexler zum zweiten Mal frei. Doch frei bewegen kann er sich nicht mehr. Denn sein Name und sein Gesicht sind längst öffentlich mit Selmers Tod verbunden. In Haft hatte ihn Post erreicht, auf der man Drexler schrieb, häng dich auf, du Mörder. Und obwohl er beide Male wieder freigekommen ist, sind die Zweifel an Drexlers Unschuld damit längst nicht bei allen verschwunden. Auch weil Selmas Vater weiterhin öffentlich kundtut, dass er keine Zweifel daran hat, dass Drexler der Mörder seiner Tochter ist.
20:36
In Drexlers Dat-Verein macht man ihm deutlich, dass er vorerst nicht mehr kommen soll. Erst müsse geklärt werden, ob an den Vorwürfen gegen ihn etwas dran ist.
20:45
Aus einem Mann, der zuvor schon kaum aufgefallen ist, wird innerhalb weniger Monate jemand, dem viele offenbar lieber aus dem Weg gehen. Und dann liefert ausgerechnet Drechsler selbst neuen Stoff für Tratsch. Er trinkt in dieser Zeit noch mehr als sonst und schläft eines Tages mit einer brennenden Zigarette ein. Daraufhin entsteht ein kleines Feuer in seiner Wohnung in der Rosenstraße 3. Genauso steht es am Tag darauf in der Zeitung.
21:11
Anschließend sei Drexler in eine psychiatrische Klinik gebracht worden. Eine Meldung, die sich nahtlos in das Bild einfügt, das sich von Drexler in Kulmbach längst verfestigt hat. Unabhängig von dem, was die Menschen in Kulmbach über Walter Drexler denken, ist auch der Verdacht der Polizei trotz seiner erneuten Freilassung gegen ihn noch nicht ausgeräumt. Die Ermittlungen gehen weiter und die Polizei veröffentlicht ein Bild eines Messers, das ähnlich wie die Tatwaffe beschaffen ist. Tatsächlich gibt es schon bald zwei Hinweise von Menschen, die meinen, ein solches Messer schon einmal gesehen zu haben, und zwar bei Walter Drechsler.
21:47
Ein Bekannter erinnert sich Drexler, ein Jahr vor der Tat mit einem Klappmesser mit braunem Griff und messingfarbenen Beschlägen gesehen zu haben. Dabei handelt es sich jetzt nicht um das Klappmesser, das die Polizei bereits in seiner Wohnung sichergestellt und als Tatwaffe ausgeschlossen hat, sondern um ein anderes.
22:04
Allerdings habe Drexlers Messer in seiner Erinnerung insgesamt etwas kleiner ausgesehen. Auch eine ehemalige Freundin berichtet von einem Messer. Sie will bei Drexler ein Jahr vor der Tat ein Brotzeitmesser mit braunem Griff und goldfarbenen Beschlägen gesehen haben. Die Klinge sei spitz und ausklappbar gewesen. Drexler selbst bestreitet ausdrücklich, jemals ein solches Messer besessen zu haben und gefunden wird es bei ihm auch nicht. Aber mit den beiden Aussagen kommen zur Faser an seiner Jacke und den Ungereimtheiten in seinen Angaben zu jener Nacht nun also noch zwei weitere Indizien dazu.
22:40
Keines beweist eindeutig, dass Walter Drexler Selma getötet hat. Zusammengenommen reichen sie der Staatsanwaltschaft aber schließlich für den nächsten Schritt. Sie erhebt Anklage wegen Mordes.
22:52
Im Oktober 1994, ein Jahr und neun Monate nach dem Mord an Selma Böhmer, beginnt vor dem Landgericht Bayreuth der von den Eltern lang ersehnte Mordprozess gegen Walter Drechsler. Der inzwischen 32-Jährige muss sich wegen des Vorwurfs verantworten, die damals 16-jährige Selma in der Nacht vom 8. Januar 1993 gegen 23.55 Uhr mit insgesamt 45 Messerstichen getötet zu haben.
23:19
Der Mann, der auf der Anklagebank Platz genommen hat, ist gekleidet in Sakko und Jeans. Er sieht schicker aus, als man es von ihm gewohnt ist. Trotzdem erkennt man auch in der sorgfältigen Kleidung, dass darin jene nachlässige Erscheinung steckt, die die Menschen aus Kulmbach kennen. Außerdem kann sie nicht verbergen, wie sehr die vergangenen Monate den Mann darin gezeichnet haben.
23:41
Auf Anraten der Verteidigung ist Walter Drexler, sofern er nicht im Gerichtssaal sitzt, stationär in einem Bezirkskrankenhaus untergebracht. Drexler hatte schon lange Alkoholprobleme, aber jetzt trinkt er mehr denn je. Obwohl er nach außen hin ruhig erscheint, kann man ihm die Nervosität nahezu ansehen.
24:00
Auch auf den fast vollständig besetzten Zuschauerbänken hat die Anspannung ihren Platz gefunden. Das Auf und Ab der vergangenen Monate hat die Menschen mit unterschiedlichen Erwartungen nach Bayreuth geführt. Einige hoffen auf eine Verurteilung, andere zweifeln daran, dass Walter Drexler Selma Böhmer getötet hat. Carsten Schiesek, Drexlers Verteidiger, erinnert sich daran, dass er froh über die beherrschte Stimmung im Gerichtssaal war.
24:24
Also wir hatten das Glück natürlich, dass Bayreuth und Kulmbach etwas auseinander liegen. Die Stimmung in Kulmbach war beherrscht davon, dass hier ein 16-jähriges Mädchen auf brutale Art und Weise zu Tode gekommen ist.
24:39
Und... Nachdem der Vater der Getöteten sehr schnell der Meinung war, in Walter Drexler sei der Täter gefunden worden, hat man hier mehr Stimmen gehabt, die der Meinung waren, warum Pötter wieder auf freiem Fuß gesetzt und die gehofft haben, dass er vorurteilt wird. Das war aber im Sitzungssaal nicht so. Im Sitzungssaal war es allerdings auch deshalb wenig zu erwarten, weil der Vorsitzende sowas unterbunden hätte.
25:08
Der Verdacht, der sich in Teilen Kumbachs hartnäckig hält, muss sich vor Gericht erst beweisen lassen. Zweimal war die Beweislage gegen Drexler nicht einmal stark genug, um ihn weiter in Untersuchungshaft zu halten. Nun soll sie für eine Verurteilung wegen Mordes reichen. Für die Verteidigung ist das Grund genug, mit einer gewissen Zuversicht in den Prozess zu gehen. Rückblickend räumt Schisek ein, unterschätzt zu haben, was in diesem Verfahren noch auf ihn zukommen würde.
25:35
Die Erwartungshaltung war tatsächlich, dass es darum geht, einen Freispruch zu erhalten. Ich würde durchaus sagen, dass ein gewisses Selbstüberschätzen, wenn ich jetzt zurückblicke, dabei war, sodass meine Knie dann während des Prozesses an der einen oder anderen Stelle dann doch weich geworden sind.
25:55
Walter Drexler will sich den Fragen des Gerichts stellen. Eine Entscheidung, die sein Verteidiger ganz bewusst mitträgt. Schisek ist nämlich überzeugt, dass es Drexler helfen wird, wenn das Gericht den Menschen hinter dem Angeklagten selbst erlebt, statt nur das Bild zu kennen, das in den vergangenen Monaten von ihm entstanden ist.
26:13
Nach wie vor bestreitet Walter Drexler, etwas mit Selmers Tod zu tun zu haben. Am 8. Januar habe er Urlaub gehabt, weil sein neuer Telefonanschluss installiert worden sei. Ansonsten sei es für ihn aber ein Tag wie jeder andere gewesen, weshalb er sich an viele Einzelheiten nicht mehr erinnern könne.
26:30
Er habe sein neues Telefon ausprobiert, ferngesehen, gelesen und dabei ein paar getrunken, bevor er eingeschlafen sei. Dass er den Ermittelnden etwa drei Wochen nach der Tat zunächst erzählt hatte, an jenem Tag gearbeitet zu haben, erklärt Drexler damit, dass er bei der Befragung nicht ganz nüchtern und erschöpft vom Nachtdienst gewesen sei. Dass er an jenem Freitag Urlaub gehabt hatte, sei ihm in diesem Moment nicht mehr bewusst gewesen. Deshalb habe er seinen gewöhnlichen Tagesablauf geschildert.
27:00
Gegen 23 Uhr, erzählt er weiter, sei er wieder aufgewacht, habe auf die Uhr geschaut und gedacht, eine schöne Zeit zum Fortgehen. Daraufhin habe er sich ein Taxi gerufen und sich in sein Stammlokal das Derby fahren lassen, wo er Bekannte getroffen, getrunken und ein Würfelspiel gespielt habe.
27:17
Als draußen plötzlich ein größeres Polizeiaufgebot bei der Diskotanz Stadel auftauchte und mehrere Gäste hinausliefen, sei Drechsler selbst in der Kneipe geblieben und habe mit der Wirtin weiter gewürfelt. Zu diesem Zeitpunkt wusste man noch nicht, dass der Einsatz mit dem Angriff auf Selma zusammenhing. Selma war auf ihrem Heimweg nur wenige hundert Meter vom Derby entfernt unterwegs gewesen, bevor ihr Weg sie weiter statt auswärts in Richtung ihres Elternhauses führte. Irgendwann später sei Drexler nach Hause gegangen. Nur wie, daran könne er sich, wie an vieles an diesem Tag, nicht mehr genau erinnern.
27:52
Er habe an dem Abend so viel Alkohol getrunken, dass er ihn noch am nächsten Tag gespürt habe. Deshalb habe er den Ermittelnden auch erst gesagt, er sei wohl mit dem Taxi gefahren, weil er das normalerweise so mache.
28:04
Ob Drechsler zu diesem Zeitpunkt tatsächlich im Derby war, soll nun durch die Befragung der damals anwesenden Gäste geklärt werden, die im Gericht als ZeugInnen aussagen sollen. Doch gleich mehrere Personen, die in dieser Nacht ebenfalls dort waren, ordnen seinen Aufenthalt zeitlich anders ein. Einer von ihnen ist Kneipenbesucher Anton Ronge. Er könne sich noch genau erinnern, sagt er, auch weil seine Tochter an diesem Tag Geburtstag hatte.
28:29
Weil er vorher mit ihr essen gewesen sei und sie anschließend nach Hause gebracht habe, wisse er noch genau, dass er erst zwischen 23 Uhr und 23.30 Uhr im Derby eintraf. Dort habe er mit der Wirtin und einer weiteren Frau gewürfelt. Walter Drechsler sei zu diesem Zeitpunkt noch nicht da gewesen.
28:46
Er sei sich sicher, vor 1.15 Uhr habe Drexler die Kneipe nicht betreten. Und auch die Wirten und acht weitere Gäste können nicht bestätigen, dass Drexler bereits gegen 23.30 Uhr im Derby war. Der Taxifahrer, der ihn an jenem Abend gefahren hat, sagt allerdings aus, ihn gegen 23.20 Uhr oder kurz danach zu Hause abgeholt und etwa zehn Minuten später vor dem Derby abgesetzt zu haben. Allerdings sei Drexler nicht wie sonst über den Fußgängerüberweg in Richtung Derby gegangen, sondern statt auswärts gelaufen.
29:20
Zwischen 23.35 Uhr und 1.15 Uhr hat Walter Drexler damit also kein Alibi. Ausgerechnet in jener Zeit, in der auch Selma nur wenige hundert Meter vom Derby entfernt statt auswärts auf dem Heimweg war und offenbar verfolgt und dann angegriffen wurde.
29:38
Diesen Mann, der auf ihrem Heimweg hinter ihr lief, haben mehrere Menschen gesehen. Eine von ihnen ist jene Autofahrerin, die auf der glatten Straße ins Rutschen geriet und den Mann deshalb für einen Moment aus nur etwa zwei Metern Entfernung im Scheinwerferlicht sehen konnte. Die Autofahrerin kennt Walter Drexler und sagt unter Eid aus, dass der Mann, den sie in jener Nacht gesehen habe, nicht er gewesen sei. Er habe eine ganz andere Gesichtsform gehabt und außerdem weder Brille noch Schnurrbart getragen. Anders als Drexler zu dieser Zeit. Weil er stark kurzsichtig ist, ist Drexler auf seine Brille angewiesen.
30:11
Menschen aus seinem Umfeld sagen im Prozess auch übereinstimmend aus, sie hätten ihn praktisch nie ohne sie gesehen.
30:17
Auch einem anderen Zeugen, der den Mann hinter Selma laufen sah, seien weder Brille noch Schnurrbart aufgefallen. Deutlicher wird noch jemand, der Drexler persönlich kennt. Auch er habe in jener Nacht einen Mann in Selmas Nähe gesehen. Der bunte Aufnäher, den Drexler hinten an seiner Jacke trug, sei ihm bei diesem Mann nicht aufgefallen.
30:37
Im Prozess schaut sich das Gericht die sichergestellte, anthrazitfarbene Jeansjacke von Drexler noch einmal an und hält fest, der Aufnäher ist deutlich sichtbar. Vor allem aber, so der Zeuge, passe der Gang nicht. Drexler gehe auffällig steif, der Unbekannte dagegen sei ganz normal, wenn auch sehr langsam gegangen.
30:57
Doch ausgerechnet jener auffällige Gang von Walter Drexler lässt eine der wichtigsten Zeuginnen zu einem völlig anderen Schluss kommen. Es ist die Anwohnerin, die Selma Schrei hörte und kurz darauf einen Mann davon laufen sah. Schon in ihrer ersten Befragung in der Tatnacht hatte sie angegeben, diesen Mann unter vergleichbaren Bedingungen möglicherweise an seinem Gang wiedererkennen zu können. Am späten Abend des 18. Oktober 1994 will die Kammer genau das überprüfen.
31:26
Gegen 23.20 Uhr zieht das Gericht nach Kulmbach. Gemeinsam laufen die Beteiligten zunächst Selmas damaligen Weg ab, bis sie schließlich dort ankommen, wo die Anwohnerin in jener Januarnacht aus ihrem Badfenster geschaut hatte. Nun steht sie wieder dort oben und blickt hinunter auf die Straße. Nacheinander gehen drei Männer an ihrem Fenster vorbei. Darunter zwei Polizeibeamte, die weiter Drechsler in Größe und Statur ähneln und Drechsler selbst.
31:55
Wer wann vorbeigeht, weiß die Zeuge nicht. Den ersten Mann lässt sie ein zweites Mal vorbeigehen, bevor sie ihn ausschließt. Auch beim zweiten braucht sie einen weiteren Durchgang, um sich festzulegen, er ist es ebenfalls nicht. Dann setzt sich der dritte Mann in Bewegung. Nach nur wenigen Schritten ruft die Zeugin, das ist es.
32:15
Sein Gang sei roboterhaft und besonders aufrecht. Genauso habe sich der Mann bewegt, den sie in der Tatnacht verschwinden sah. Der dritte Mann ist Walter Drechsler.
32:26
In diesem Moment bekommt Anwalt Carsten Schiesek weiche Knie und sorgt sich. Wenn die Kammer dieser Aussage der Zeugin große Bedeutung beimisst, dann haben er und sein Mandant ein Problem.
32:38
Doch noch entscheidender könnte eine Spur werden, wegen der Drechsler bereits ein zweites Mal in Untersuchungshaft saß. Die winzige türkisfarbene Faser an seiner Jeansjacke. Gerade einmal 1,9 Millimeter lang. Inzwischen sind die Untersuchungen abgeschlossen und zunächst klingt das Ergebnis für Drechsler verheerend. Die Untersuchungen führen sogar bis zu dem Garn zurück, aus dem Selmas Jacke hergestellt wurde. Die Faser an Drexas Jacke weist dieselben untersuchten Eigenschaften auf wie dieses Garn.
33:08
Material passt, Färbung passt, Oberflächenbeschaffenheit passt, Belastbarkeit passt. Laut Sachverständigem stimmt das Fragment in Zitat allen überprüften Kriterien mit Fasermaterial aus Selmas Jacke überein.
33:24
Doch dann erklärt derselbe Sachverständige, was diese Übereinstimmung tatsächlich bedeutet. Shisek erinnert sich daran.
33:31
All das passte, aber es gab keine individuellen Kriterien, die man nun an der getragenen Kleidung und an dieser Faser feststellen konnte. Das heißt, keine Reinigungsspuren, keine Verschmutzungsspuren, keine Beschädigungsspuren, die ein individuelles Zuordnen erlaubt hätten. Und ich kann Ihnen versichern, als dieser letzte Satz des Gutachters, individuell kann es aber nicht zugeordnet werden, ausgesprochen beim Sitzungssaal, Ist mir dann doch schon ein Stein vom Herzen gefallen.
34:03
Und damit verliert der Fund der nur etwa ein Millionstel Gramm schweren Faser erheblich an Gewicht. Die Faser passt zu Selmas Jacke. Beweisen, dass sie tatsächlich von ihr stammt, lässt sich aber nicht. Bei dem Material handelt es sich um eine Allerweltsfaser. Solche Polyacrylfasern finden sich häufig in alltäglicher Maschenware wie Pullovern, Mützen, Handschuhen oder Schals.
34:26
Und selbst wenn diese Faser tatsächlich von Selmas Jacke stammen sollte, damit wäre noch nicht geklärt, wie sie auf Drexlers Ärmel gelangt ist. Wenn er ihr an jenem Tatabend tatsächlich so nahe gekommen wäre, dass er 45 Mal auf sie einsticht, warum findet sich dann ausgerechnet nur dieser eine Millionstel Gramm leichte Fussel?
34:48
Und dann ist da noch jenes Klappmesser, das Walter Drexler angeblich besessen hatte, von dem zwei ZeugInnen während der Ermittlungen berichtet hatten. Im Prozess soll geklärt werden, wie gut es zur Tatwaffe passen könnte. Dafür wird dem Bekannten, der das Messer bei Drexler gesehen haben will, ein Vergleichsstück vorgelegt. Form und Länge der Klingel kämen seiner Erinnerung nahe. Und auch der Rechtsmediziner bestätigt, mit einem solchen Messer könnten Selmers Verletzungen verursacht worden sein.
35:17
Nur ob Drechsler tatsächlich jemals in Besitz eines solchen Messers war, lässt sich nicht beweisen. Denn gefunden wurde es nie. So, damit ist die Beweisaufnahme hier beendet. Ihr kennt jetzt die wesentlichen Indizien, die gegen Walter Drechsler sprechen und die Zweifel, die an ihnen bestehen. Und mich würde jetzt interessieren, würdet ihr ihn auf dieser Grundlage wegen Mordes verurteilen oder nicht? Und meint ihr, er hat es getan oder nicht? Denn das
35:45
Sind ja manchmal zwei verschiedene Paar Schuhe.
35:49
So, ich fasse nochmal zusammen, was die Beweisaufnahme im Prozess gegen Walter Drexler ergeben hat. Er hat ausgerechnet zur Tatzeit kein Alibi. Der Taxifahrer, der ihn gegen halb zwölf gegenüber vom Derby absetzt, sieht ihn nicht wie sonst in Richtung Kneipe gehen, sondern statt auswärts. Dass er im Derby war, ist durch die ZeugInnen erst gegen 1.15 Uhr gesichert. Äußerlich passt manches. Der Mann bei Selma wird als groß, schlank und dunkel gekleidet beschrieben. Merkmale, die jetzt grundsätzlich auch auf Drexter zu treffen, der ja in der Nacht seine dunkle Jeansjacke getragen haben will.
36:23
Die Anwohnerin meint zudem, Drexler an seinem auffällig steifen Gang wiedererkannt zu haben. Und an seiner Jacke findet sich eine Faser, die in allen überprüften Kriterien mit Fasermaterial aus Selmers Jacke übereinstimmt. Und zwei ZeugInnen erinnern sich daran, dass Drexler Monate vor der Tat ein Messer besessen haben soll, das grundsätzlich als Tatwaffe infrage gekommen wäre. Aber dem stehen auch einige Zweifel gegenüber.
36:47
Die Autofahrerin, die dem Mann in jener Nacht besonders nahe kam, sagt unter Eid, Drexler sei es nicht gewesen. Ein weiterer Zeuge, der ihn persönlich kennt, kommt ebenfalls zu dem Schluss. Brille und Schnurrbart, wie Drexler damals trug, sind keinem der entscheidenden ZeugInnen aufgefallen. Und als Drexler beim Augenscheintermin an dem Fenster der Anwohnerin vorbeigeht, kennt sie ihn durch die Berichterstattung längst als Tatverdächtigen und hat ihn danach mehrfach, nachdem er schon außer Haft draußen war, an ihrem Haus vorbeilaufen sehen.« Ob sie bei dem Augenschein-Termin also tatsächlich den Mann aus der Tatnacht wiedererkennt oder Walter Drechsler, dessen Gang sich inzwischen in ihre Erinnerung eingebrannt haben könnte, lässt sich für das Gericht nicht mehr sicher trennen.
37:29
Außerdem bleibt das Messer verschwunden und auch die Faser lässt sich Selmas Jacke nicht eindeutig zuordnen. Spuren, die Drechsler mit Selma in Verbindung bringen, werden ebenfalls nicht gefunden.
37:41
Und abgesehen davon bleibt nach dem Prozess völlig offen, warum Walter Drexler die 16-Jährige überhaupt hätte töten sollen. Eine Verbindung zwischen den beiden lässt sich nicht feststellen, ebenso wenig ein Motiv für die extreme Gewalt. Und auch die Sachverständigen sehen einen Widerspruch zwischen der Tatausführung und Drexlers Persönlichkeit.
38:01
45 teils mit erheblicher Wucht ausgeführte Messerstiche seien ohne eine starke affektive Beteiligung oder Aggressivität des Täters nur schwer vorstellbar.
38:12
Drecksler dagegen beschreiben sie als antriebslos und lethargisch. Spontane oder impulsive Ausbrüche seien für ihn untypisch.
38:21
Ein Eindruck, der sich auch in den Aussagen von Menschen aus seinem Umfeld wiederfindet. Doch für die Staatsanwaltschaft ändert all das nichts an ihrer Überzeugung. Zusammengenommen weisen die Indizien für sie eindeutig auf Walter Drexler. Sie fordert eine Verurteilung wegen Mordes, lebenslange Freiheitsstrafe und die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld.
38:42
Als am 30. Januar 1995, gut zwei Jahre nach Selmas Tod, das Urteil gegen Walter Drexler verkündet werden soll, drängen sich rund 200 Menschen in den Gerichtssaal des Landgerichts Bayreuth. Viel mehr als auf den Zuschauerplätzen Platz finden. Einige sitzen auf den Fensterbänken, andere müssen stehen. Sie alle warten auf die Antwort auf eine Frage, die Kulmbach seit mehr als zwei Jahren umtreibt. Hat Walter Drexler Selma getötet?
39:10
Belastende Indizien gibt es durchaus, doch für eine Verurteilung reichen Wahrscheinlichkeiten nicht aus. Gerade in einem Indizienprozess muss die Gesamtschau aller be- und entlastenden Umstände das Gericht am Ende davon überzeugen, dass der Angeklagte die Tat begangen hat. Und genau diese Überzeugung hat die Kammer nicht. Walter Drexler könne, so der vorsitzende Richter, als Täter zwar nicht sicher ausgeschlossen, jedoch noch weniger sicher überführt werden. Seine Täterschaft lässt sich nicht mit der erforderlichen Sicherheit nachweisen.
39:41
Und so wird Walter Drexler vom Vorwurf des Mordes freigesprochen. Für die Zeit, die er in Untersuchungshaft verbracht hat, stehen ihm 1200 DM Entschädigungen zu. Während im vollbesetzten Gerichtssaal die Entscheidung fällt, beobachtet Verteidiger Schiesek seinen Mandanten ganz genau.
39:58
Er hat reagiert der Gestalt, dass er zunächst einmal leicht, nicht heftig, sondern leicht in sich zusammensackte, tief durchatmete und letztendlich man ein Abfallen der Anspannung an ihm erkennen konnte. Aber viel wichtiger, wie er nicht reagiert hat. Er hat nicht vor Freude laut losgeschrien. Er hat nicht triumphiert. All das wäre aber auch seinem Naturell, seiner Persönlichkeit fremd gewesen.
40:29
Während Walter Drexler die Entscheidung still aufnimmt, brechen sich die Gefühle auf den Zuschauerbänken offenbaren. Jemand ruft, das ist ja ein Witz. Auch unter den zahlreich erschienenen PolizistInnen sei die Enttäuschung deutlich zu spüren gewesen, erinnert sich Schisek. Nach all der Ermittlungsarbeit hätten viele von ihnen offenbar mit einer Verurteilung gerechnet. Und auch Selmas Mutter ist enttäuscht und bricht in Tränen aus.
40:53
Dass das Gericht Drexler freigesprochen hat, trifft Ralf und Susi mit voller Wucht. Über die letzten zwei Jahre hatten sie immer wieder gehofft, dass man ihm den Mord nachweisen und ihn wegsperren würde. Nun wurde diese Hoffnung offenbar endgültig zerschlagen. Für Ralf und Susi fühlt es sich so an, als ob ihre Tochter zum zweiten Mal getötet wurde. Diesmal durch die Justiz, sagen sie. Und während das Gericht nicht von Walter Drexlers Schuld überzeugt ist, bleiben Selmas Eltern dabei. Walter Drexler hat ihre Tochter getötet.
41:25
Schon am nächsten Tag spiegelt sich ihre Fassungslosigkeit in den Schlagzeilen wieder. Der Freispruch beherrscht die Berichterstattung und wird dabei keineswegs überall als Schlussstrich unter den Verdacht gegen Walter Drexler verstanden. Selma nach Disco erstochen, Freispruch, titelt eine Zeitung.
41:42
Im Artikel wird die Faser an Drexlers Jacke als einziger Beweis bezeichnet und mit deutlichem Unverständnis darauf reagiert, dass der Gutachter sie Selmas Zottelfelljacke nicht eindeutig zuordnen konnte. Eine weitere Schlagzeile erklärt Selmas Tod für ungesühnt. Darunter werden ihre Eltern mit den Worten zitiert. Gott strafe ihren Mörder. Gemeint ist damit Walter Drexler.
42:06
Besonders nachdem der Freispruch rechtskräftig wird, bleibt für Ralf und Susi offenbar nur noch die Hoffnung, dass Gott am Ende richten wird, wenn es das Gericht schon nicht kann. Oder dass ihn seine vermeintlich begangene Tat irgendwann einholt. An den Mörder unserer Selma. Dem Gewissen läuft niemand davon, lässt Ralf sich in einer Zeitung zitieren.
42:27
Es ist nur der Anfang eines Kampfes, den Ralf Böhmer über Jahre führen wird. Wenn sich Selmers Tod am 8. Januar jährt, sucht Ralf immer wieder die Öffentlichkeit. Nur lindert das den Schmerz der Familie nicht. Das Gefühl, dass ihrer Tochter mit dem Freispruch keine Gerechtigkeit widerfahren ist, zermürbt sie nach und nach.
42:47
Der Gedanke daran, dass der vermeintliche Mörder ihrer Selma ein Leben frei in Kulmbach weiterführen kann, während sie mit ihrer Trauer zurückbleiben, ist für die Familie kaum zu ertragen. Das eigene Haus ist kein Ort mehr, an dem sie zur Ruhe kommen können. Zu nah liegt es an dem Tatort, an dem Selma niedergestochen wurde.
43:05
Ralf plagt der Gedanke daran, dass Selma keine Gerechtigkeit widerfährt. Er träumt von Selbstjustiz und Drechsler eines Tages umbringen zu wollen. Schließlich zieht die Familie weg von der Stadt, in der sie sich einst so wohl fühlte. Doch die Kilometer, die die drei zwischen sich und Kulmbach bringen, schaffen keinen Abstand zu dem, was dort passiert ist. Ralf versinkt immer mehr in der Verzweiflung. Er wird depressiv und geht in Frührente. Susi geht es ähnlich und gibt ihre Arbeit als Näherin auf. Damit wird der Kampf um Selma für Ralf immer mehr zum Lebensmittelpunkt.
43:39
Er hofft, irgendwann neue Beweise gegen Walter Drechsler zu finden, damit das Verfahren wieder aufgenommen wird, sammelt vermeintlich Belastendes über ihn, verfolgt, was er so treibt und trägt seine neuen Erkenntnisse immer wieder an die Öffentlichkeit, um allen zu zeigen, wen man da offenbar hat laufen lassen.
43:57
So behauptet er schließlich in mehreren Zeitungen. Er hat schon mit 14 versucht, ein Mädchen zu vergewaltigen. Woher Ralf diese Erzählung hat, kann ich euch nicht sagen. Für ihn ist das aber offenbar ein weiterer Beleg dafür, dass Drexler schon lange vor Selmers Tod gefährlich gewesen sei. Ralf schreibt sogar den Schrebergartenverein von Drexlers Mutter an und versucht zu erreichen, dass sie dort ausgeschlossen wird. Wenn man Drexler juristisch nicht belangen kann, dann muss er irgendwie anders büßen.
44:26
Anders spüren, dass man mit dem, was Ralf ihm vorwirft, getan zu haben, nicht einfach so davonkommt. Und Ralf trifft mit seiner Überzeugung offenbar auf einen Boden, auf dem der Verdacht gegen Drechsler ohnehin längst weiterlebt. Wenn Drechsler nun in Kulmbach ein Geschäft betritt, verstummen Gespräche. Manche fragen sich, ob an den Vorwürfen wirklich etwas dran ist. Lebt Selmas Mörder unbehelligt unter ihnen?« Drexler verliert seine Arbeit in der Melzerei und bekommt mit seinem Namen, der in der Umgebung nur zu bekannt ist, nicht zuletzt, weil eine Zeitung ihn veröffentlicht hatte, als er schon in U-Haft saß, keine neue.
45:03
Nach Hause bekommt er, nachdem seine Adresse veröffentlicht worden war, Briefe. »Wie kann man nur mit so einer Schuld leben?« »Und du kannst freiwillig aus dem Leben gehen«, liest er darin. Der Freispruch hat Drexler juristisch entlastet. Seinen Ruf kann er ihm offenbar nicht zurückbringen. Irgendwann zieht auch er weg aus Külmbach. Weg aus dem Ort, an dem der Freispruch ihn offenbar nicht von dem Verdacht lösen konnte, der inzwischen an ihm haftet. Als es in seiner neuen Heimat mit seiner Freundin zu einem Polizeieinsatz kommt, landet auch diese Info wieder bei Ralf.
45:37
In einer Lokalzeitung wird er daraufhin zitiert, Drechsler sei wieder aufgefallen, weil er angeblich seine Freundin erdrosseln wollte. Für ihn bestätigt das nur, wovon er ohnehin überzeugt ist. Zitat, er hat Selma umgebracht und sonst keiner.
45:53
Nun fragt man sich ja schon, wieso kann man so eine Behauptung, dass Walter Drecksler der Täter ist, einfach abdrucken, wenn er ja rechtskräftig freigesprochen wurde? Ein Freispruch bedeutet jetzt nicht, dass Medien nie wieder über ihn oder neue Vorwürfe berichten dürfen. Aber sie können die Behauptung anderer jetzt auch nicht einfach ungeprüft übernehmen. Wie Medien nach so einem Freispruch mit neuen Anschuldigungen umgehen müssen, haben wir den Medienrechtler Professor Karl Nikolaus Peifer gefragt.
46:21
Die müssen schon klarstellen, er ist freigesprochen worden, Punkt. Und von da an beginnt dann eher wieder die Frage Verdachtsberichterstattung. Was darf man jetzt eigentlich noch berichten? Die Medien haben eigene Recherchepflichten. Wenn also der Freispruch klar ist, dann dürfen sie nicht einfach ungefiltert Meinungen übernehmen.
46:42
Neue Anschuldigungen dürfen also auch nach einem Freispruch aufgegriffen werden. Dafür müssen die Medien aber selbst recherchieren und prüfen, worauf der Verdacht überhaupt beruht und den Betroffenen auch Gelegenheit geben, dazu Stellung zu nehmen. Vor allem dürfen sie aber nicht den Eindruck erwecken, dass seine Schuld bereits feststeht.
47:00
Problematisch findet Peifer aber nicht nur, wie später mit den neuen Vorwürfen gegen Drexler umgegangen wird. Schon die Berichterstattung über den Freispruch selbst sieht er kritisch. Vor allem die Schlagzeile, die damals verkündete, Selma nach Disco erstochen, Freispruch.
47:16
Ja, das erweckt den Eindruck, als ob der Täter davon kommt, als ob sich das Gericht hier geirrt hat, als ob das Gericht einen Fehler gemacht hat. Also da haben wir einen Täter und der ist damit davongekommen. Und das ist natürlich ein völlig unrichtiger Eindruck, den darf die Presse auch so nicht verbreiten. Der Freispruch ist der Freispruch eines Gerichts und den haben auch Presse und Öffentlichkeit zu akzeptieren. Wenn die Schlagzeile also so veröffentlicht wird, dann ist sie nicht mehr neutral, dann ist sie nicht mehr sorgfaltsgerecht.
47:50
Das heißt, die Presse hat hier mit ihren Maßstäben an dieser Stelle versagt.
47:55
Immer wieder schafft Ralf es mit seinen Zweifeln am Freispruch in die Presse. Über Jahre hält er den Fall seiner Tochter so öffentlich am Leben. Und irgendwann ziehen seine Vorwürfe noch weitere Kreise. Acht Jahre nach Selmers Tod finden sie sogar in der Politik Gehör. Im Mai 2001 wendet sich der CSU-Bundestagsabgeordnete Peter Gauweiler an den bayerischen Justizminister Manfred Weiß.
48:20
Auslöser sind ausdrücklich die Darstellungen von Selmas Eltern. Sie hätten bei ihm, Zitat, enorme Zweifel daran geweckt, ob in diesem Fall tatsächlich die Gerechtigkeit gesiegt habe. Gauweiler schickt dem Minister Unterlagen und bittet ihn zu prüfen, ob wirklich alle Möglichkeiten ausgeschöpft sind, um Selmas Tod aufzuklären. Damit hat Ralfs jahrelanger Kampf eine neue Ebene erreicht. Ein rechtskräftig Freigesprochener steht Jahre nach seinem Prozess nicht nur öffentlich weiter unter Verdacht. Die Zweifel von Ralfs Familie beschäftigen inzwischen einen Bundestagsabgeordneten und den bayerischen Justizminister.
48:57
Nur stößt Ralf hier auf eine klare Grenze. Denn ein Justizminister kann ein rechtskräftiges Gerichtsurteil nicht einfach überprüfen. Das würde gegen die richterliche Unabhängigkeit verstoßen.
49:08
Weiß lehnt es deshalb ab, zum Urteil selbst Stellung zu nehmen. Ganz unbeantwortet lässt er Gauweilers Schreiben allerdings nicht. Nach eigener Befassung mit dem Fall sehe er keinen Anlass, die Arbeit der Staatsanwaltschaft zu beanstanden. Sie habe sich, schreibt Weiß, nach Kräften bemüht, Selmers Tod aufzuklären und den Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen. Ob das tatsächlich gereicht hat, wird sich erst drei Jahre später zeigen. Und zwar auf eine Weise, die kaum schrecklicher sein könnte.
49:39
Es ist der Abend des 4. August 2004 in einem Ort wenige Kilometer entfernt von Kulmbach, als zwei junge Frauen mit dem Auto über eine Landstraße fahren und plötzlich etwas hören. Hilfeschreie. Am Straßenrand entdecken sie eine Hand, die zwischen Grashalmen hervorragt und verzweifelt in ihre Richtung winkt. Sofort halten sie an und rennen über die Wiese, nicht vorbereitet auf das, was sie dort erwartet. Ein Mädchen mit rotblonden Haaren und Sommersprossen liegt im hohen Gras. Es blutet stark, der Körper ist übersät mit Stichwunden.
50:12
Eine der beiden, die zur Hilfe geeilt sind, kennt das Mädchen aus der Schule. Es ist die 14-jährige Carla. Noch ist Carla bei Bewusstsein. Und sie weiß, wer sie angegriffen hat. Mit letzter Kraft nennt die 14-Jährige einen Namen. Andreas Seifert. Er habe versucht, sie zu vergewaltigen. Es ist ihr eigener Onkel.
50:34
Die beiden Frauen rufen Hilfe und Carla wird ins Krankenhaus gebracht. Doch ihre Verletzungen sind zu stark. Sie stirbt noch am selben Abend. Kurz darauf finden die Ermittler den 28-jährigen Andreas Seifert. Gemeinsam mit seinen Schwiegereltern steht er an seinem Auto und wechselt einen geschädigten Hinterreifen.
50:52
Die BeamtInnen durchsuchen ihn und stoßen in seiner Jackentasche auf etwas, das den Verdacht gegen ihn schlagartig erhärtet. Ein blutverschmiertes Butterfly-Messer. Andreas wird noch an Ort und Stelle festgenommen. Einige Tage später sitzt Seifert mit seinem Verteidiger in einem Raum in der JVA.
51:12
Dass er als Täter überführt ist, steht außer Frage.
51:15
Seine Nichte hatte ihn identifiziert und die Tatwaffe trug er noch bei sich. Daher versucht er auch gar nicht erst gegenüber seinem Verteidiger die Tat zu leugnen. Den Namen des Strafverteidigers, den er sich selbst ausgesucht hat, ist uns schon bekannt. Es ist Carsten Schiesek. Damals gibt es in der Umgebung nicht sonderlich viele Strafverteidiger, die sich auf Tötungsdelikte spezialisiert haben. Und Schisek ist einer der wenigen, die man dort halt anruft, wenn man im Verdacht steht, einen Kapitaldelikt begangen zu haben. Gegenüber Schisek erzählt Seifert, dass sexualisierte Gewaltfantasien seit Jahren immer mehr Raum in seinem Leben eingenommen hätten.
51:52
Irgendwann hätten sie sich auf eine konkrete Person gerichtet, seine Nichte Carla. Auf einem privaten Urlaubsvideo habe er die 14-Jährige nackt während eines FKK-Urlaubs gesehen. Von da an habe er sich immer wieder vorgestellt, Carla zu vergewaltigen und sie mit körperlicher Gewalt hilf- und wehrlos zu machen. Den «ultimativen sexuellen Kick», wie er es nennt, habe er sich gerade davon versprochen, dass sie die Vergewaltigung voller Ekel und Abscheu über sich ergehen lassen müsste.
52:21
Anschließend, so seine Vorstellung, könne er Carla so massiv bedrohen, dass sie aus Angst schweigen und niemandem davon erzählen würde.
52:28
Also habe Seifert beschlossen, seine Fantasie Wirklichkeit werden zu lassen. Unter dem Vorwand, gemeinsam ein Geburtstagsgeschenk für Carlas Mutter, seine Schwägerin, kaufen zu wollen, habe er seine Nichte ins Auto gelockt und sei mit ihr an einen abgelegenen Ort gefahren. »So, und jetzt kommen wir mal zur Sache«, habe er gesagt, »den Arm um Carla gelegt und ihr über dem T-Shirt an die Brust gefasst.« Carla habe das nicht gewollt und ihm gesagt, er solle das lassen. Doch der 28-Jährige habe nicht nachgegeben, sondern ein Butterfly-Messer gezogen und versucht, sie damit gefügig zu machen.
53:00
Zwischen den beiden sei ein Kampf entbrannt, der sich aus dem Auto hinaus bis neben den Wagen verlagert habe. Carla habe versucht zu fliehen, doch Seilfert habe sie zu Boden gestoßen und alles daran gesetzt, sie zu überwältigen.
53:13
Als er mit dem Messer nach ihr gestochen habe, habe er auch den rechten Hinterreifen seines Wagens getroffen. Dem Mädchen sei es schließlich gelungen, sich aus seinem Griff zu lösen und über die Wiese davon zu rennen. Seifert sei ihr hinterhergejagt. Als ihm klar geworden sei, dass Carla sich nicht einschüchtern lasse und später erzählen würde, was passiert war, habe er beschlossen, sie zu töten. Er habe seine Nichte eingeholt und auf sie eingestochen.
53:36
Schwer verletzt habe er sie im Gras zurückgelassen und sei mit dem beschädigten Reifen davon gefahren. Jenem Reifen, den er wenig später gewechselt habe, als die Polizei ihn fand. Zwei Stunden sprechen Verteidiger Carsten Schiesek und Andreas Seifert über seine Nichte Carla. Dann will Schiesek gehen. Seine Arbeit ist fürs Erste getan. Doch dann erzählt sein Mandant ihm plötzlich, dass die Polizei ihn bei seiner Festnahme auch zu einem anderen Mord befragt hätte. Zum elf Jahre zurückliegenden Mord Anselma Böhmer.
54:07
Anwalt Cizek erklärt, dass er der Verteidiger des damals Angeklagten war. Er kenne den Fall daher wie kaum ein anderer. Im Laufe der Jahre, sagt Cizek, sei er zu dem Schluss gekommen, dass für eine solche Tat eigentlich nur zwei Arten von Tätern infrage kämen.
54:23
Entweder war es jemand, der eine langjährige, tiefe, emotionale Beziehung zu Selma hatte, die dann umgeschlagen ist. Dafür sei Seifert aber damals mit seinen 17 Jahren zu jung gewesen. Oder es war ein Psychopath. Und Seifert würde auf ihn nicht den Eindruck eines solchen machen. Danach verlässt Verteidiger Schisek den Raum der JVA.
54:44
Beim nächsten Besuch begrüßt Seifert den Anwalt mit folgenden Worten. Ich bin so ein Psychopath. Denn das, was er Schieselk über seine Fantasien erzählt hat, habe nicht erst mit seiner Nichte begonnen, beichtet er. Schon als Jugendlicher habe er sich vorgestellt, ein Mädchen zu überfallen, mit einem Messer wehrlos zu machen und sexuell zu missbrauchen.
55:06
Bereits 1992 habe er deshalb immer wieder ein Butterfly-Messer bei sich getragen und nach dem perfekten Opfer, dem perfekten Zeitpunkt und dem perfekten Tatort gesucht. Und dann folgt ein Geständnis, mit dem sein Anwalt überhaupt nicht gerechnet hatte.
55:23
Am Abend des 8. Januar 1993 sei der damals 17-Jährige mit Freunden unterwegs gewesen. Dabei habe er Selma Böhmer gesehen. Zunächst mit ihrer Schwester, später noch einmal allein auf ihrem Heimweg. Auch er sei zu diesem Zeitpunkt auf dem Weg nach Hause gewesen. Selma habe er vom Sehen gekannt, noch aus der Grundschule. Eine Weile sei er hinter ihr hergelaufen, dann habe er sie eingeholt und ein belangloses Gespräch begonnen.
55:49
Während sie gemeinsam weitergegangen seien, habe Seifert beschlossen, dass Selma das ideale Opfer sei, um seine Fantasie auszuleben. Neben dem schmalen Fußweg habe er ein Gebüsch entdeckt, um das er sie habe ziehen wollen. Er habe sein Butterfly-Messer aus der Tasche gezogen und Selma rechts in den Bauch gestochen, um sie zu schwächen. Doch Selma habe sich gewehrt, ihn beschimpft und laut geschrien. Jeden Schrei, den die Anwohnerin kurz vor Mitternacht aus ihrer Wohnung gehört hatte.
56:15
Aus Angst, Selma könnte ihn später identifizieren, habe Seifert schließlich immer wieder auf sie eingestochen. Anschließend habe er das Butterfly-Messer in einen Gulli geworfen. Die Polizei hatte also schon damals die Tatwaffe gefunden. Aber ohne Blut, Fingerabdrücke oder andere Spuren konnte sie sie mit Selmas Mord nicht in Verbindung bringen.
56:34
Deswegen wurde der Fund auch nie öffentlich bekannt gegeben. Außerdem erzählt Seifert, dass er sich damals nach dem Mord noch in Tatortnähe übergeben hatte, weil die Tat so ganz anders ablief, als er sich das vorgestellt hatte. Auch die Info, dass um den Fundort der Leiche herum Erbrochenes gefunden wurde, wurde nie veröffentlicht. Seifert weiß also etwas, das nur der Täter wissen kann.
56:57
Nachdem ihm die Flucht gelungen sei, habe er sich wenige Tage später sogar dem Trauerzug durch Kulmbach angeschlossen. Mitten unter all den Menschen, die von Selmas Tod erschüttert waren, lief damit auch derjenige mit, der behauptet, für ihren Tod verantwortlich zu sein. Als Anwalt Carsten Schiesek das ganze Geständnis hört, gleichen seine Gefühle einer Achterbahnfahrt, hat er uns erzählt.
57:20
Erstens erwartet man sowas nicht und zweitens war mir auch klar, wenn dieser Mann jetzt einfach schweigt, dann wird er nicht für diese Tat bestraft werden können. Meine Aufgabe als Verteidiger ist es nicht, irgendwelche Leute einer Bestrafung zuzuführen. Ich musste mir aber schon die Frage stellen, bin ich dann ein guter Verteidiger für ihn, wenn von meinem Gefühl her dieses Wissen, er ist aber der Mörder von nicht nur einer Person, sondern zwei Personen, mich daran zweifeln lässt, ob ein solcher Freispruch auch für den Mandanten der richtige Weg wäre.
57:53
Doch Seifert nimmt Cizek diese Entscheidung ab. Er wolle den Mord an Selma gestehen, sagt er. Nicht nur, weil er für die Tat zur Verantwortung gezogen werden wolle, sondern vor allem, weil er Angst vor sich selbst habe. Seifert ist inzwischen Vater einer zweijährigen Tochter und fürchte, ihr eines Tages etwas antun zu können, wenn das, was ihn zu seinen Taten gebracht habe, unbehandelt bleibe.
58:15
Damit die GutachterInnen verstehen könnten, wozu er tatsächlich fähig sei und eine entsprechende Behandlung möglich werde, wolle er deshalb alles offenlegen. Auch den Mord an Selma. Für Shisek muss sich in diesem Moment ein Kreis schließen. Mehr als zehn Jahre zuvor hatte er Walter Drechsler gegen den Vorwurf verteidigt, Selma getötet zu haben. Und jetzt hat ausgerechnet der Zufall dazu geführt, dass der neue Mandant, den er wegen eines anderen Mordfalls verteidigt, ihm gesteht, der Mörder von Selma zu sein.
58:45
Nach Rücksprache mit Seifert greift Schisek zum Telefon und ruft Walter Drechsler an. Als er ihn erreicht, ist der gerade im Wald und sammelt Pilze. An dieses Telefonat erinnert sich Carsten Schisek noch ganz genau.
58:59
Er war geradezu schockiert. Er hat da an der Stelle dann tatsächlich meiner Erinnerung nach auch geweint. Und er verspürte auch eine Wut auf diesen Täter. Überhaupt gar keine Frage.
59:13
Sodass er zwar nachvollziehen konnte, dass ich als Strafverteidiger selbstverständlich auch diesen Fall übernommen habe. Er war froh, wie nur was, dass jetzt endlich feststeht, ich bin nicht der Täter.
59:27
Ein Jahr später gibt es an Seiferts Täterschaft auch juristisch keinen Zweifel mehr. 2005 muss sich der mittlerweile 29-Jährige vor dem Landgericht Bayreuth für beide Morde verantworten. Und diesmal beruht der Vorwurf im Fall Selmer nicht auf einer Kette von Indizien. Seifert hat die Tat gestanden und sein Geständnis passt zu den Spuren, die früher am Tatort gesichert wurden.
59:49
Der psychiatrische Sachverständige diagnostiziert bei ihm eine sexuelle Devianz mit sadistischen Beherrschungsfantasien. Am Ende des Verfahrens verurteilt die Kammer Seifert wegen zweifachen Mordes zu lebenslanger Freiheitsstrafe, stellt die besondere Schwere der Schuld fest und ordnet seine Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus an. Mehr als elf Jahre nach der Tat wird der Mord an Selma nun endlich gesühnt. In dieser Zeit hat Seifert geheiratet, als Krankenpfleger gearbeitet und ist Vater geworden. Nach der Feststellung des Gerichts habe er den Mord an Selma relativ schnell verdrängt und selbst den Prozess gegen Drechsler nicht an sich herangelassen.
60:27
Bis seine Gewaltfantasien zurückkehrten und mit Carla ein zweites Mädchen das Leben kosteten.
60:34
Währenddessen musste Walter Drechsler mit den Folgen eines Mordverdachts leben, von dem er selbst immer wusste, dass er falsch war. Elf Jahre seines Lebens, die ihm niemand mehr zurückgeben kann.
60:45
Die Zeit bezeichnet Walter heute als Hexenjagd. Als er den PolizistInnen damals die Haustür öffnet, ahnt er nicht, dass seine offene Art, den Menschen ohne Misstrauen zu begegnen, ihm damit zum Verhängnis wird. Er lässt sie bereitwillig herein und beginnt, auf ihre Fragen ins Blaue hinein zu erzählen, an was er sich am Tatabend erinnert.
61:05
Nach den zwei Verhaftungen ist für Walter vieles von dem, was vorher selbstverständlich war, plötzlich nicht mehr selbstverständlich. Arbeiten gehen, Darts spielen, abends ins Derby. Durchs Kölnbach laufen, ohne sich fragen zu müssen, was die Menschen denken, wenn sie ihn sehen. Besonders diese Blicke, die er auch nach dem Freispruch spürt, bleiben ihm in Erinnerung.
61:27
Manche Menschen halten zu ihm, andere wenden sich ab. Und bei denen, die gar nichts sagen, weiß Walter irgendwann nicht mehr, auf welcher Seite sie stehen. Die Briefe in seinem Briefkasten fühlen sich bedrohlich an. Auch als Walter Kulmbach verlässt, reicht die Entfernung nicht, um den Verdacht hinter sich zu lassen. Immer wieder wird über ihn berichtet. Wieder landet sein Privatleben in der Zeitung.
61:50
Nachdem er sich damals heftig mit seiner Partnerin streitet und sie die Polizei ruft, muss er sich wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte vor Gericht verantworten. Nicht, weil er seine Freundin angeblich erdrosseln wollte. Sie hatte ihn auch nie angezeigt. Medien- und Kommunikationsrechtler Prof. Peiffer sagt, dass die Berichterstattung damals vor allem gegen den Grundsatz nicht vor Verurteilung zu Berichten verstoßen hat. Das könne man auch bei dem Vorwurf sehen, Walter habe bereits als Jugendlicher versucht, ein Mädchen zu vergewaltigen. Das hatte Ralf Böhmer ja der Lokalzeitung erzählt und die hatte es offenbar ungeprüft abgedruckt.
62:25
Und dabei stimmt das gar nicht, denn tatsächlich hatte ein Bekannter von Walter das Mädchen belästigt und Walter selbst hatte sogar versucht, ihn davon abzuhalten. Als die Polizei den Vorwurf später richtigstellt, ist die Anschuldigung längst in der Welt. Und genau darin liegt das Problem, erklärt Professor Peiffer.
62:43
Weil die Meldung, die zunächst einmal sensationell wirkt, sich sehr viel stärker im Gedächtnis, in der Wahrnehmung verfestigt, als es dann die nüchterne Aufklärung ist.
62:53
Und dieser Effekt zeigt sich offenbar selbst bei wenig vertrauenswürdigen Quellen. Forschende der Humboldt-Universität haben nämlich untersucht, wie Meldungen über unbekannte Menschen auf uns wirken. Und dabei zeigt sich, entscheidend war weniger, wie glaubwürdig die Quelle erschien, sondern wie emotional die Information war. Stark negative Meldungen führten dazu, dass die betreffende Person anschließend negativer bewertet wurde. Und selbst wer der Quelle wenig Glauben schenkte, bewertete die Person nach einer stark negativen Meldung schlechter.
63:24
Walter versucht trotzdem nicht anwaltlich gegen die Berichterstattung und den Rufmord vorzugehen. Denn er ist niemand, der in die Offensive geht, sondern jemand, der sich zurückzieht. Er will vor allem eines, mit der ganzen Sache nichts mehr zu tun haben. Nur funktioniert das natürlich nicht einfach. Und was es mit jemandem machen kann, dauerhaft für etwas verurteilt zu werden, das er oder sie nicht getan hat, erklärt die psychologische Psychotherapeutin Elif Kadesh aus Köln.
63:50
Unser Selbstbild entsteht ja nicht ausschließlich aus dem, was wir selber über uns wissen, sondern ja auch aus Rückmeldungen, die unser soziales Umfeld uns gibt und die wir immer wieder bekommen. Und wir brauchen dann ja auch Spiegelung von außen, um eine Ich-Identität auszuprägen. Und normalerweise gibt es dabei eine Übereinstimmung. Also ich weiß, wer ich bin und die Menschen in meinem Umfeld haben ja zumindest ungefähr ein ähnliches Bild dann auch von mir. Und bei einem unschuldig verurteilten Menschen kann diese Übereinstimmung und dieses Bild ja massiv auseinanderbrechen.
64:24
Also er selbst weiß möglicherweise sehr genau, ich habe diese Tat nicht begangen, ich bin kein Mörder. Aber gleichzeitig erlebt er ja immer wieder über Jahre, dass andere Menschen ihn immer wieder über diese Tat definieren. Und dadurch kann psychologisch eine anhaltende Diskrepanz dann entstehen zwischen dem Selbstbild und dem Fremdbild.
64:44
Bleibt diese Diskrepanz über Jahre bestehen, könne laut Kedejsch ein chronischer Belastungszustand entstehen. Stress, Misstrauen, Scham, Wut und Hilflosigkeit können sich dann verfestigen und es kann zunehmend das Gefühl entstehen, die Kontrolle über das eigene Leben zu verlieren.
65:02
Dadurch können dann mehrere Grundbedürfnisse auch verletzt werden. Bindung, weil soziale Zugehörigkeit ja fehlt. Selbstwertschutz, weil die Person auf das Stigma immer wieder reduziert wird. Und auch Orientierung und Kontrolle, weil sie ja nicht bestimmen kann, welches Bild andere von ihr haben. Und durch wiederholte soziale Zurückweisung entsteht dann ja auch Misstrauen und erhöhtere Wachsamkeit, was dann ja wiederum vorsichtigeres Verhalten oder Rückzug begünstigt.
65:31
Etwas, das auch Schisek bei Walter Drechsler beobachtet. Der einst so offene und unbefangene Mann wird vorsichtiger, misstrauischer und zurückgezogener. Dem Mord an Selma entkommt er nicht, obwohl er ihn nie begangen hat. Und daran ändert auch die Wahrheit, die elf Jahre später ans Licht kommt, nur bedingt etwas.
65:49
Seiferts Geständnis gibt Walter seine Glaubwürdigkeit zurück. Was diese elf Jahre mit ihm gemacht haben, lässt sich jedoch nicht rückgängig machen. Denn wie Elif Kedejsch sagt, Rehabilitation ist kein psychologisches Radiergummi.
66:04
Und mit Seiferts Verurteilung löst sich übrigens nicht jedes Rätsel aus den damaligen Ermittlungen auf. Ob Walter tatsächlich nach der Tat nur noch helle Kleidung trug, bleibt offen. Ein starkes Indiz war es jedenfalls schon damals nicht. Immerhin hätte das auch Zufall gewesen sein können.
66:21
Das Gericht war 1995 jedenfalls davon überzeugt, dass Walter zur Tatzeit nicht im Derby gewesen war. Walter selbst hat dagegen immer darauf bestanden, dort gewesen zu sein. Bis heute bleibt offen, wo er in diesen entscheidenden Stunden tatsächlich war oder ob sich die ZeugInnen im Derby schlicht geirrt haben, wie Walters Anwalt vermutet.
66:42
Nur eines steht inzwischen fest. Bei Selma war Walter nicht. Bis diese Gewissheit auch für alle anderen feststand, hat Walter Drechsler viel verloren. Allein seine Verteidigung hat ihn rund 15.000 D-Mark gekostet. Schulden, bei deren Rückzahlung ihm seine Mutter helfen musste. Noch schwerer wiegt wohl etwas, das sich nicht zurückzahlen lässt. Sein verlorener Ruf.
67:05
Was aus Walter geworden ist und wie er heute lebt, wissen wir nicht. Carsten Schiesek hofft, dass der Mann, den er einst als offen und ruhig und in sich ruhen kennengelernt hatte, wieder zu dieser inneren Ruhe zurückfinden konnte. Und er heute damit leben kann, dass er die Jahre, in denen andere ihn für einen Mörder hielten, nie zurückbekommen wird.
67:27
Ja, es ist meiner Ansicht nach auf so vielen Ebenen ein tragischer Fall, weil es hier offensichtlich ja gleich drei Opfer gibt. Und zwar, weil Leute der Überzeugung waren, besser zu wissen, was die Wahrheit ist, als ein Gericht das feststellen könnte. Und ich will gar nicht sagen, dass das gesprochene Recht immer richtig ist. Dazu haben wir hier in all den Jahren auch schon zu viele Fälle gehabt, an denen man sehen konnte, dass das nicht so ist. Aber hier in diesem Fall muss man wirklich sagen, dass da so viel kaputt gegangen ist, dadurch, dass Leute meinten zu wissen, was wirklich passiert ist und wer der wahre Täter ist.
68:02
Und da muss man natürlich auch sagen, dass diesen Kampf vor allem natürlich Selmas Familie über Jahre geführt hat. Und wir wissen halt, dass Ralf und Susi sich geirrt haben. Und dass ihre Überzeugung, die sie ja immer öffentlich gemacht haben, Er habe ihre Tochter getötet und dazu beigetragen hat, dass ein unschuldiger Mann auch nach seinem Freispruch in weiten Teilen weiter als Mörder galt. Das lässt sich nicht wegreden. Trotzdem fühle ich natürlich auch mit ihnen, nicht nur weil ich es generell, jetzt nicht auf weiterbezogen, aber generell natürlich nachvollziehen kann, dass man sich wünscht, dass man Antworten auf seine Fragen bekommt und besser damit leben kann und davon vielleicht auch ein Stück weit getrieben ist.
68:41
Und man muss sich aber auch vor Augen führen, woher diese Gewissheit gekommen sein könnte. Also die Polizei nimmt einen Verdächtigen fest, gleich zweimal. Obwohl diese Indizien nicht mal reichen, um diesen Haftbefehl aufrecht zu erhalten, ist die Staatsanwaltschaft so überzeugt von seiner Schuld, dass sie anklagt. Am Ende ist das alles ins Rollen gekommen, weil eine Nachbarin fand, dass er die Jalousien zu lang unten hatte und Und weil er sich da widersprochen hatte, so knapp drei Wochen nach der Tat, was er an jenem Abend gemacht hatte. Ich weiß nicht mal aus dem Kopf, was ich vorgestern gemacht habe.
69:16
Das finde ich also wirklich sehr bedenklich. Also auch, dass ich nicht weiß, was ich vorgestern gemacht habe, aber vor allem das Ermittelnde.
69:24
widersprüchliche Aussagen dann hier als so starkes Indiz werten, dass er der Täter war. Und dann ist da auch noch dieses Butterfly-Messer aus dem Gully. Da kritisiert Walter Drexler später dann auch, dass die Polizei dem Messer dann wegen der fehlenden Spuren keine größere Bedeutung beigemessen hat und auch kein Foto davon veröffentlicht hat. Denn bei dem Messer stellte sich ja später tatsächlich heraus, dass es das Tatmesser war. Und vielleicht hätte das ja jemand erkannt.
69:51
Noch dazu kommt, dass die Polizei dann auch kurz nach der Tat bei Seiferts Eltern war und als sein Vater gesagt hat, sein Sohn ist nicht zu Hause, da hätten die BeamtInnen dann offenbar nicht weiter nachgeforscht. Also ich glaube, Walter Drexler hat hier ziemlich doll den Eindruck bekommen, dass obwohl es auch andere Männer gab, die zwischenzeitlich mal im Fokus standen, dass die Polizei sich da ziemlich stark auf ihn eingeschossen hat und ja auch nach dem Freispruch noch von seiner Täterschaft überzeugt war. Dann kommt natürlich auch noch diese Berichterstattung hinzu mit Veröffentlichung von Bild und Namen, obwohl er schon in Untersuchungshaft saß und das gar nicht hätte sein müssen, denn er war ja nicht mehr flüchtig, die Veröffentlichung seiner Adresse umzusetzen.
70:29
Und dann stellt das Gericht natürlich am Ende auch nicht fest, dass er es nicht war, sondern sagt, was ja an sich auch legitim ist, diese Indizien reichen nicht, um ihm die Tat sicher nachzuweisen. Und dass solch ein Freispruch für Eltern dann schwer auszuhalten ist, das kann man dann ja auch in gewisser Weise nachvollziehen. Auch wenn das Verhalten dadurch auf keinen Fall unproblematisch wird, vor allem nachdem wir gesehen haben, was das für Walter bedeutet hat. Leider wissen wir nicht, wie die Eltern von Selma die Verurteilung von Seifert aufgefasst haben und dass damit nun der richtige Mörder verurteilt wurde.
71:03
Allerdings hat uns Verteidiger Schisek erzählt, dass die Eltern die Nebenklage im Prozess gegen ihn angetreten sind und zu dem Zeitpunkt des Auftakts offenbar noch immer der Meinung waren, dass es eigentlich Walter Drechsler war.
71:15
Ich hoffe, dass sie das irgendwann akzeptieren konnten und ihnen aber vor allem Drechsler ist natürlich zu wünschen, dass sie irgendwann all das hinter sich lassen können und Ruhe und Frieden finden.
71:27
Ja, das war der Fall diese Woche und nächste Woche hört ihr hier wieder Laura und mich gemeinsam und wir reden über einen vermissten Fall eines kleinen Jungen, der sehr, sehr viele Fragen offen lässt. Bis dahin.
71:41
Das war ein Podcast der Partner in Crime in Zusammenarbeit mit Studio Bummens. Hosts Paulina Graser und Laura Wohlers. Redaktionelle Leitung John Hanschin und wir. Redaktion Marisol Mercado und wir. Schnitt Pauline Korb. Rechtliche Abnahme und Beratung Abel und Kollegen.